BISS – Sieg, Remis, Niederlage?

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Am Tag danach ziehen zum vierten Gazakrieg an den israelischen TV-Sendern hochrangige Offiziere politisch-militärische Bilanz. Namentlich F-15 und F-16-Piloten der Luftwaffe (IAF) suchen die Frage zu beantworten: Ist es ein Sieg, ein Unentschieden, eine Niederlage. Als prominenteste Brigadegenerale treten auf:

  • Brigadier Amir Lazar, F-16-Pilot mit Fallschirmbrevet, Chef der Luftwaffendivision, verantwortlich für die Operationen im offiziell beendeten Krieg – der Mann, der die Einsatzbefehle und die Trefferauswertung der IAF so präzis kennt wie kein anderer.

Brigadegeneral Amir Lazar.

  • Brigadier Relik Shafir ist der einzige Israeli, der mit F-15 und F-16 arabische Gegner abschoss, und einer der acht Piloten, die 2007 in der Operation “OPERA” an den Tigris flogen, um dort einen syrisch-koreanischen Atomreaktor dem Erdboden gleichzumachen. Shafir kommandierte die Air Base Tel Nof und die Pilotenschule.

 

Siehe auch > BISS AKTUELL – Waffenruhe hält, am “Tag des Zorns”

 

Aussage 1: Es braucht die “boots on the ground”

  • Konsens besteht in Israel zum Kampf der verbundenen Waffen: Wohl habe die Kooperation von Luftwaffe, Kriegsmarine und Panzer- und Artillerierohren an der Gazagrenze gut funktioniert. Jedoch zur Erreichung des wichtigsten Kriegszieles, zur Ausschaltung der gegnerischen Raketen, habe der terrestrische Vor- und Durchstoss wie 2008/09, 2012 und 2014 gefehlt.
  • Ohne “boots on the ground”, ohne Panzergrenadiere und Golani-Infanterie, könne das dezentralisierte Raketen-Netz von Hamas und Islamischem Jihad nicht vollständig zerschlagen werden.

Die Südfront hielt ihre Merkawa-Panzer zum Angriff bereit. 

In den ersten drei Gazakriegen hätte jeweils das Panzerkorps der Südfront den Gazastreifen vom Negev zum Mittelmeer in der Mitte geteilt. Dann seien die Panzer im Verbund mit allen anderen Elementen namentlich nach Gaza-Stadt vorgestossen, um dort die operativen Ziele zu erreichen. Dazu habe diesmal der politische Willen gefehlt, obwohl 80% der Israeli die Bodenoperation gewünscht hätten.

Aussage 2: Netanyahu scheute Blutzoll

  • Der terrestrische Stoss hätte – wie die vorangegangen Gazakriege und der Zweite Libanonkrieg von 2006 – einen Blutzoll gefordert. 2012 fiel er mit zehn Gefallenen – davon sechs durch eigenen Beschuss wegen Versagens der Freund/Feind-Erkennung – gnädig aus. Aber 2006, 2008/09 und 2014 lagen die Verlustzahlen höher.
  • Namentlich der angeschlagene Premier Netanyahu habe das Wagnis gescheut. Überdies sei die Regierung unter amerikanischem Druck gestanden. Präsident Biden habe anfänglich auch in der UNO Israel vorbehaltlos unterstützt, sei dann aber unter den Angriffen der linken Demokraten eingeknickt. Der Wechsel von Trump zu Biden zeitige Konsequenzen.
  • Für eine längerfristige Lagebeurteilung sei es zu früh. Zwar feiere die Hamas, als ob sie den Krieg gewonnen hätte – trotz ihrer Enthauptung und der Zerschlagung wertvoller Kampf-Infrastruktur. Ob Israel gewonnen, ein Remis erzielt oder den Waffengang verloren habe, werde sich zeigen. 2006 habe man im Libanon vom Unentschieden gesprochen; aber seither herrsche an der Nordfront weitgehend Waffenruhe, was damals niemand erwartete.

Start eines F-16-Jagdbombers in Hatzerim bei Beersheva.

Vom geheimen Stützpunkt Nevatim aus operierten zwei F-35-Staffel (116. und 140.) Nevatim liegt tief im Negev.

Aussage 3: IAF beging keine Verbrechen

Vehement wenden sich die beiden Kampfpiloten Lazar und Shafir gegen den Vorwurf, die Luftwaffe habe in Gaza-Stadt Kriegsverbrechen begangen:

  • Wohl habe die Armee zwei der drei operativen Ziele erreicht: Die Luftwaffe habe – im Verbund mit Panzern, Artilleriegeschützen, Spezialkräften und der Marine – das unterirdische Tunnel, Kommando- und Übermittlungsnetz “METRO” des Gegners zerstört. Und sie habe die militärische Führung von Hamas und Islamischem Jihad enthauptet.
  • Aber vor allem die Piloten hätten bei der Zerschlagung der Raketen-Rampen und -Fabriken derart stark auf die Vermeidung ziviler Opfer und Schäden geachtet, dass das feindliche Raketen-Potential nicht vollständig ausgeschaltet werden konnte. Die israelischen Streitkräfte hätten alles getan, was sie tun konnten, um die zivile Bevölkerung zu schonen.

Aussage 4: Feind führte Krieg aus Wohnblöcken

  • Demgegenüber verstiessen Hamas und Islamischer Jihad laufend gegen die Genfer Konventionen. Sie richteten ihre Stellung prinzipiell in Wohnhäusern, Moscheen, ja bei Spitälern ein, um sich innerhalb der zivilen Bevölkerung zu schützen und zu verstecken.
  • Selbst die “METRO”-Eingänge seien durchwegs von Wohnkellern aus in den Untergrund gegraben worden. Die Zerstörung der weit verzweigten unterirdischen Stadt habe sich als sehr aufwendig erwiesen.
  • Wenn der Inlandgeheimdienst Shin Bet gegnerische Stellungen und Kommandoposten in Bauten festgestellt habe, sei es an der Luftwaffe gelegen, die möglichst schonungsvolle Angriffsart festzulegen. Manchmal sei es unvermeidlich gewesen, das ganze Gebäude, oft ein Hochhaus, umzulegen. Manchmal habe es ausgereicht, bestimmte Stockwerke zu zerschlagen.

Bevor due Luftwaffe Wohnhäuser angriff, warnte sie die Bewohner.

Aussage 5: Luftwaffe warnte Bewohner

  • Obwohl dies taktisch ein Nachteil sei, warne die Luftwaffe rechtzeitig Bewohner von Häusern, die sie anzugreifen beabsichtige.
  • Diese Warnung erfolge per Telefon oder über SMS. So gebe die Luftwaffe den zivilen Bewohnern Zeit, sich in Sicherheit zu bringen und Kinder zu evakuieren.
  • Die Warnung werde in der Regel eine ganze Stunde vor dem Angriff gegeben. Auch bei der Zerstörung der Hamas-Geheimdienst-Zentrale im Medien-Hochhaus hätten die Journalisten 60 Minuten Zeit gehabt, ihre Redaktionen in den oberen Stockwerken zu verlassen.
  • Die Behauptung eines AP-Redaktors, er habe in den unteren Stockwerken nie einen Hamas-Agenten gesehen, wird als Lacherfolg abgetan: “Glaubt der Journalist tatsächlich, der gegnerische Geheimdienst-Chef komme mit Schlapphut, Trenchcoat und Schirm daher?”

Aussage 6: Luftwaffe tat, was sie konnte

  • Brigadier Shafir gilt in Israel als Kriegsheld und Flieger-Ass. Er beurteilt den Einsatz der Piloten in der Operation “MAUERWÄCHTER” positiv: “Die Luftwaffe tat, was sie tun konnte. Sie hätte noch mehr gegnerische Infrastruktur zerstört, wären ihr nicht wegen den Kollateralschäden die Hände gebunden gewesen.”
  • Amir Lazar ergänzt: “Wir beobachteten mit moderner Aufklärung die Räumung der Ziele genau. Mitunter warteten wir mit dem Zuschlagen, bis die Evakuation abgeschlossen war. Das war taktisch in jedem Fall ein Nachteil. Die Überraschung war eh dahin. Der Gegner hatte noch mehr Zeit, sich auf unsere Attacke einzurichten.”
  • Technisch-taktisch zeigten sich die Luftwaffen-Generale mit den eingesetzten F-15, F-16. F-35, AH-64-Apache-Helikoptern und den präzisen Luft-Boden-Raketen sehr zufrieden. Die Limitationen seien nicht militärischer, sondern politischer Art gewesen, am Schluss auch durch die vorzeitige Waffenruhe.

Blau die Air Base Hatzerim am Negev-Nordrand. Rechts Beersheva. Von Hatzerim aus starteten F-16-Staffeln.