BISS – “Schuss vor den Bug?”

Standard

 

 

 

Die D36 HMS Defender. Vorne ein Schnellboot. Die Defender ist die fünfte von sechs topmodernen Zerstörern der Klasse 45.

 

Siehe auch > HMS Defender – Zerstörer der Extraklasse

 

Kuriose Meldungen kommen von der Krim und aus London.

Russland: HMS Defender drang ein

Die russische Marine berichtet:

  • Am Vormittag des 23. Juni 2021 drang der britische Raketen-Zerstörer HMS Defender an der Krim-Südspitze zwei Seemeilen tief in Russlands Hoheitsgewässer ein. Laut russischer Lesart verläuft die Grenze zum eigenen Hoheitsgebiet zwölf Seemeilen von der Krim entfernt durch das Schwarze Meer: durch den ewigen Zankapfel der Grossmächte.
  • Ein russisches Patrouillenboot habe die Defender zuerst per Funk und dann mit Lichtsignalen vor dem Eindringen gewarnt. Die ganze “Eskalation” der Warnungen habe nicht gefruchtet: Der Briten-Zerstörer sei weiter auf Kap Fiolent zugefahren. Das Kap liegt in der Nähe der strategischen Stadt Sewastopol, vom derem Hafen aus die russischen Seestreitkräfte das Schwarze Meer zu beherrschen suchen.
  • Dann habe das Patrouillenboot die Defender mit Warnschüssen vom Eindringen abzuhalten versucht – ohne Erfolg. Erst jetzt habe ein Suchoi-24M, die Marineversion des robusten Erdkämpfers Su-24 Fencer-D, hochexplosive Splitterbomben abgeworfen. Nach vier Minuten habe der britische Kapitän abgedreht.

Sewastopol beherrscht das Schwarze Meer. Kaum ein anderer strategischer Punkt ist in der Militärgeschichte so umkämpft wie die Hafenstadt (hier die Belagerung im Krimkrieg 1854).

London: Defender fuhr in internationalem Gewässer

Diametral entgegengesetzt dementiert die Royal Navy:

  • Die HMS Defender gehöre zum Trägerverband der HMS Queen Elizabeth II., die im östlichen Mittelmeer auf die Passage durch den Suezkanal in den Indischen Ozean wartet.
  • Die Defender nehme vom 28. Juni bis zum 10. Juli 2021 am alljährlich stattfindenden NATO-Manöver “SEA BREEZE” teil – mit Schiffen aus 31 anderen Staaten. Sie habe routinemässig vom ukrainischen Odessa in den Hafen Batumi an der georgisch-türkischen Grenze verlegt. Stets sei sie in internationalen Gewässern gefahren.
  • Die russische Marine führe derzeit im Schwarzen Meer gross angelegte Manöver durch.
  • Von Warnschüssen auf die Defender könne nicht die Rede sein; geschweige denn von scharfen Bomben vor den Bug oder in das Kielwasser des Zerstörers.

Ungereimtheiten

Das Schwarze Meer. Der Weg von Odessa nach Georgien umrundet die Krim.

Soweit Aussage gegen Aussage. Die Ungereimtheiten häufen sich:

  • Welchen Kurs nahm die Defender von Odessa nach Batumi? Der direkte Routineweg von Odessa nach Georgien führt hart an der Krim vorbei. Hatte der Kapitän einen Aufklärungsauftrag? Das ist denkbar, jedoch nicht bewiesen.
  • Welches Motiv hatte die Defendee, Kurs auf das neuralgische Kap Fiolent und den noch heikleren Hafen Sewastopopl zu nehmen? Stimmt das überhaupt?
  • Spielte das russische Patrouillenboot die ganze Stufenleiter der Warnungen durch, bevor es schoss? Ein BBC-Reporter an Bord der Defender berichtet von Schüssen, offensichtlich in die Luft.
  • Sollte eine Su-24M tatsächich hochexplosive Splitterbomben abgeworfen haben – wohin? Die Russen berichten von Abwürfen ins Kilewasser; einzelne angelsächsische Medien wollen wissen, die Russen hätten die Bomben vor der Defender placiert, in Fahrtrichtung auf das Ufer zu – der berühmte “Schuss vor den Bug”!

Der Su-24 Fencer stammt aus dm Kalten Krieg, wurde aber mehrmals kawestiert. In Syrien trägt er im Erdkampf die Hauptlast.

Die Analyse des Experten

Letztere Gretchenfrage legten wir unserem Marine-Korrespondenten Oberst i Gst Jürg Kürsener vor. Wie immer, antwortet er auch in Anbetracht des grossmächtigen Pulverdampfes besonnen:

  • Schon die Warnschüsse gingen rechtlich und seemännisch sehr weit. Schüsse abzufeuern stelle eine a.o. scharfe Warnstufe dar. Splitterbomben abzuwerfen verschärfe die Spannung und die Gefährdung des Schiffes.
  • Immerhin sei zu unterscheiden: Bomben vor den Bug in Fahrtrichtung oder Bomben ins Kilewasser. Bomben vor den Bug seien nicht zu verantworten, weil a.o. gefährlich. Der Kapitän der Defender habe richtig gehandelt. In so einer Situation habe die Rettung von Schiff und Mannschaft Vorrang. Der britische Captain habe rasch entscheiden müssen und seine Einheit gerettet.

Politische Einordnung

Zur politischen Bedeutung des Zusammenstosses befragten wir unsere Korrespondenten in Russland: Die Marine, der Generalstab, das Ministerium und die Agentur TASS hätten den Vorfall bewusst gross aufgemacht. Dies aus zwei Gründen:

  • Erstens herrsche in Russland vor der Parlamentswahl eine gewisse Nervosität. Präsident Putins Partei verteidige ihre absolute Mehrheit in der Duma. Wenn die Streitkräfte die Grenze – und das erst noch vor der Krim – verteidige, dann diene das auch der internen Propaganda.
  • Zweitens seien die Manöver “SEA BREEZE” der russischen Militärführung seit der Krim-Annexion vom März 2014 ein Dorn im Auge. Nach Präsident Bidens Machtübernahme habe der Anti-Ukraine-Aufmarsch der 20. Panzerarmee Washington gewarnt: “Bis hierher und nicht weiter!” Jetzt bekunde die Marine ihre Entschlossenheit, das Schwarze Meer zu verteidigen. Die NATO dürfe sich nicht unbegrenzt breit machen.
  • Drittens habe Putin auf den Präsidentengipfel in Genf Rücksicht genommen. So kurz nach dem Treffen mit Biden habe er die Konfrontation mit einem Schiff der US Navy vermieden. Die Royal Navy bilde immerhin mit ihren Trägern, ihren Atom-U-Booten und den sechs Zerstörern der Klasse 45 eine respektable Streit- und Seemacht. Der Zusammenprall mit einer schwächeren Marine hätte weniger Aufsehen erregt.