Schlachtort Izjum – 1942/43, 2014, 2022

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Siehe auch > Kriegslist: Russen mit Gebäck vergiftet

Diese Karte muss eingedeutscht werden, verrät aber plastisch, warum die Stadt Izjum in Kriegen stets in den Focus rückt. Izjum liegt in der Kartenmitte oben an der Europastrasse E-40, die diagonal quer durch die Karte führt. Die E-30 beginnt in Calais am Ärmelkanal und endet in Ridder nahe der russischen Grenze in Kasachstan und ist mit gut 8’000 Kilometern die längste Europastrasse.

In der Ukraine ist militärisch der Abschnitt bekannt, der im Land M-03 heisst. Er führt zuerst von Kiew nach Charkow und von dort über Izjum und Slawisank (unten rechts am Kartenrand) nach Luhansk, zur Stadt, die er künstlichen “Republik” Luhansk den Namen gibt. Die Karte lässt erkennen, warum schon die Militärgeschichte Izjum, einen Ort mit derzeit 45’800 Einwohnern, so oft hervorhebt:

  • Rund um Izjum findet sich bewaldet Infanterie- und in der weiten, flachen Steppe Panzergelände. Quer durch die Karte zieht sich Wald von Nordwest nach Südost. Den Durchgang zwischen den Wäldern benutzt die E-30 (M-03); beherrscht wird das Engnis von Izjum, das die tatarischen Siedler 1571 (unbewusst wohl) zwischen den Infanterie-Abschnitten anlegten.
  • Die Stadt liegt am breiten Fluss Donec und zwingt zum Kampf um den Flussübergang.

Aktuelles Bild. Russischer Behelfssteg über den Donec bei Izjum.

  • Der Grosse Preis an der ukrainischen Nordostfront ist die Millionenstadt Charkow, wie dies am 37. Kriegstag die seit 37 Tagen andauernde Schlacht um Charkow belegt. Am südlichen Zugang nach Charkow beherrscht Izjum an der E-30 eine Schlüsselstelle. Die Verbindung von Luhansk-Slaviansk nach Charkow führt über Izjum, das nur 115 von Charkow entfernt ist.
  • Zudem hat Izjum den militärischen Vorzug, dass an der Nordostfront kein anderer Ort so nahe an den operativen Dnjepr-Städten Dnipro (früher Dnepropetrowsk am Flussknie) und Saporoschja (bekannt jetzt auch wegen dem mächtigen KKW) liegt. Dnipro und Saporoschja sind begehrte Knotenpunkte aus allen Richtungen; vor allem aber bieten sie Brücken über den 600–800 Meter breiten Dnjepr-Strom.

“Der Vorsprung von Izjum”

Was folgt, ist auch, aber nicht nur für Freunde der Militärgeschichte spannend; es wirft ein Licht ebenso an den derzeitigen Kampf um die Städte im Osten der Ukraine, den die russische Führung mindestens “offiziell” zum neuen Schwerpunkt ihrer Operationen deklarierte.

  • Alexei I., der zweite Romanow-Zar, nahm gegen Polen und Schweden die östliche Ukraine in russischen Besitz. In Izjum liess er schon im 17. Jahrhunderte eine beherrschende Festung errichten.
  • Im Zweiten Weltkrieg hielt die Rote Armee gegen die deutsche Wehrmacht die Frontausbuchtung gegen Westen, die als “Vorsprung von Izjum” in die Geschichte einging.

Der Kampf um den “Vorsprung von Izjum”.

Die erste Schlacht um Izjum

Um die Front zwischen Charkow (schwarzer Punkt nördlich des “Vorsprungs von Izjum”) und Izjum–Slaviansk–Kramatorsk (drei offene Kreise rechts unten auf der Karte, Kramatorsk war Standort eines Feldflugplatzes) rangen auf deutscher Seite blau die 4. Panzer-, die 2. ungarische-, die 6., die 17. und die 1. Panzerarmee.

Ihnen gegenüber standen die Südwest- und die Südfront der UdSSR mit folgenden Armeen: 21., 13. Panzer, 28., 23. Panzer, 2. Panzer, 38., 21. Panzer, 23. Panzer, 6., 57., 9.

Der beidseitige Kräfteansatz zeigt, welche Bedeutung der deutsche Generalstab und die russische Stavka der Charkow-Front beimassen. Es war ein episches Ringen, in dem die Sowjets die Ausbuchtung von Izjum für gut sieben Monate verloren.

Mit dem Schlachtort Izjum verbindet die sowjetische Tradition nicht nur gute Erinnerungen. Die Rote Armee erlitt im Kampf um den Geländevorsprung grausame Verluste. Dass sie die markante, operativ zentrale Ausbuchtung eine Zeitlang verlor, beschäftigte die Führung, die aus den Geschehen bei Izjum Lehren zog. Die Wehrmacht beherrschte den Ort vom 24. Juni 1942 bis zum 5. Februar 1943.

“Die Autobahn des Todes”

Im ersten russisch-ukrainischen Krieg von 2014 eroberten die russische Armee und prorussische Separatisten von Luhansk aus die Stadt Slaviansk, ebenfalls an der E-40, knapp 50 Kilometer von Izjum entfernt. Ukrainische Gegenangriffe auf Slawiansk scheiterten. Dafür errichteten die Ukrainer in Izjum Strassensperren und Barrikaden. Als Separatisten ihrerseits der E-40 entlang vorrückten, liefen sie den Ukrainern bei Yampil in den Hammer.

Hernach setzten die Ukrainer zum Stoss auf Slaviansk und Kramatorsk an. Sie holten beide Städte inklusive das Flugfeld von Kramatorsk zurück. Die Europastrasse E-30 ging als “Autobahn des Todes” in die Geschichte ein, weil das Ringen um sie in beiden Lagern viele Opfer forderte. Anfang April 2016 nahmen Ukrainer einen separatistischen Saboteur fest, der bei Izjum die Eisenbahn in die Luft sprengen wollte.

Offenbar geteilte Stadt

Stellungsbezug einer russischen Artilleriebatterie bei Izjum. Rochan vermutet Mehrfachraketenwerfer (Stalinorgeln)

Im März 2020 lösten sich aus Izjum russische und ukrainische Erfolgsmeldungen fast im Tagestakt ab. Die Russen wollten die Stadt am 17. März erreicht haben, und am 24. März teilte Brigadegeneral Igor Konaschenkow in Moskau mit, den Russen sei die ganze Stadt in die Hand gefallen. Jede russische Erfolgsnachricht wurde indes in Kiew sofort dementiert. Zu Beginn April berichten neutrale Quellen:

  • Die Russen halten die nördlichen Quartiere der Stadt und suchen die Ukrainer einzuschliessen.
  • Die Ukrainer leisten in den Südvierteln erbittert Widerstand und suchen sich der Einkesselung zu entziehen.

Wie die Schlacht um Izjum 2022 ausgeht, wissen nur diejenigen, die selbst in der Steppe das Gras wachsen hören.

Russische Panzerhaubitzen bei Izjum, die Geschütze auf offenem Feld.