BISS – Ohne “boots on the ground” (ohne Bodentruppe)?

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Generalstabschef Kochavi (Mitte) “inspiziert” Raketen-Einschlag in Ashkalon, mit persönlicher Waffe. Im grauen Kampfanzug ein hoher Polizeioffizier. Gepixelt das Gesicht eines Geheimdienstoffiziers.

 

Von Dr. Peter Forster, ehem. NZZ-Korrespondent in Israel

 

Man verzeihe den englischen Titel. Doch weltweit weiss jede und jeder, was “boots on the ground” bedeutet: Bodentruppen, terrestrische Offensiven, das Heer im Unterschied zu Luftwaffe und Marine.

  • Im Gazakrieg bricht der Tag 10 an. In Israel ist die Debatte um “booths on the ground” heftig entbrannt: Erreichen die israelischen Streitkräfte das strategische Ziel, die islamistischen Terroristen um Jahre zurückzuwerfen, sprich: die eigene Bevölkerung in den nächsten Jahren vor Terrorangriffen aus dem Gazastreifen zu schützen?
  • Namentlich: Gelingt das ohne “boots on the ground”? Reichen die intensiven Luftschläge aus, unterstützt von starkem Panzer- und Artilleriefeuer aus der unmittelbaren Nachbarschaft des Gazastreifens, aber strikt von israelischem Territorium aus?

Doktrin-Debatte, Doktrin-Differenzen

Dahinter stecken die feinen Doktrin-Differenzen, welche die israelische Politik und selbst die Diskussionen in der Armee seit jeher beherrschen:

  • Die Exponenten des INSS, des Institute for National Security Studies, stehen seit dessen Gründung dem politischen Zentrum nahe, teils auch der früher beherrschenden, inzwischen marginalisierten Arbeiterpartei. Sie tendieren zu einer ersten Waffenruhe und dann zu einem Waffenstillstand mit Hamas-Garantie, dass dieser für lange Zeit gilt. Der INSS-Hauptexponent ist der Luftwaffengeneral Amos Yadlin, ex-Chef des AMAN, des Geheimdienstes der Armee.

General Amos Yadlin, Präsident des INSS an der Universität Tel Aviv.

Der Panzergeneral Gershon Hacohen, Begin-Sadat Center.

  • Den Gegenpol bildet das BESA, das Begin-Sadat Center for Strategic Studies, das unserem Blog wie das INSS regelmässig seine Analysen zusendet. Das BESA steht der politischen Rechten nahe, insbesondere Premier Netanyahus Likud und auch der national ausgerichteten Orthodoxie. Sein Hauptexponent ist der Panzergeneral Gershon Hacohen, ex-Kommandant einer Panzerbrigade, der Nordfront und der Militärakademie. Das BESA fordert die vollständige Enthauptung und Zerstörung der Hamas.
  • Yadlin und Hacohen verkörpern unterschiedliche Offizierscharaktere: Yadlin diente in der Luftwaffe als Stabschef und erfüllte auch im Geheimdienst einen analytischen Auftrag. Hacohen steht für den Typ des aggressiven Truppenkommandanten und vertritt das Denken und Handeln des bedeutenden Panzerkorps, der Speerspitze des Heeres (zusammen mit der Fallschirmtruppe und der Golani-Infanterie).

Die Südfront hält ihre Merkawa-Panzer zum Angriff bereit.

Was bedeutet das operativ-taktisch?

  • Die moderate INSS-Linie tendiert zu einem Abbruch der Kampfhandlungen, sobald die operativen Ziele einigermassen erreicht sind: Sobald Hamas und Islamischer Jihad weitgehend enthauptet, deren unterirdischen Anlagen grösstenteils zerstört und die meisten Raketen-Fabriken und -Rampen ausgeschaltet sind.
  • Für die INSS-Exponenten, jetzt auch General Itai Brun am Fernsehen, ist ein terrestrischer Angriff auf Gaza (wie 2008/09, 2012 und 2014) nicht unbedingt nötig. Sie warten darauf, dass die Armeeführung deklariert: Die Ziele der Operation “MAUERWÄCHTER” sind erreicht – ohne “booths on the ground”.
  • Die BESA-Analytiker vertreten den Standpunkt: Ohne den Panzerstoss quer durch den Gazastreifen (vom Negev an die Küste) geht es nicht. Wie in den drei ersten Gazakriegen muss das Heer den Streifen teilen und dann die Tunnels und die Raketenanlagen mit Bodentruppen zerstören.

Wird Hamas geschwächt oder weitgehend zerstört?

Primat der Politik – unbestritten

Seit in der Nacht zum 15. Mai 1948, nur Stunden nach der Staatsgründung, fünf arabische Staaten Israel angriffen, spielt das Militär in Israel eine dominierende Rolle. Auch die rasche Bewältigung der Corona-Krise ist vorrangig der Armee zu verdanken. Aber Israel war und ist keine Militärdiktatur. In den Streitkräften ist der Vorrang der Politik unbestritten. Generalstabschef Kochavis Vortrag im Februar 2021, notfalls müsse die Armee gegen Irans Atomrüstung selber handeln, hatte keine Folgen für den General: Seine Warnung an das Ayatollah-Regime in Teheran entsprach der offiziellen staatlichen Politik.

So entscheidet auch jetzt die politische Führung über Waffenruhe, Waffenstillstand oder Fortsetzung der Angriffe inklusive Bodenoperation. Im engen Kriegskabinett tendieren der Verteidigungsminister Benny Gantz und Aussenminister Gabi Ashkenazi zu einer harten Haltung. Als Generalstabschefs führten sie militärisch erfolgreich die Kriege von 2008/09 (Ashkenazi), 2012 und 2014 (Gantz). Den Ausschlag gibt jedoch Premier Netanyahu, so angeschlagen er politisch und juristisch auch ist.

Zu beachten: Kernland, Intifada, USA

  • Die Regierung Netanyahu muss an zwei weiteren Fronten der Lage Herr werden: Im Kernland entladen sich die Spannungen zwischen arabischen Israeli (rund 20% der stimmberechtigten Bevölkerung) und rechtsgerichteten Aktivisten in Strassenschlachten. Und in Ost-Jerusalem und dem Westjordanland brechen Ansätze zur dritten Intifada auf.
  • Mit Blick auf die USA: Wohl hat in Washington ein langjähriger Freund Israels, Joe Biden, das Präsidentenamt übernommen. Aber er steht unter Druck seines linken Parteiflügels, vor allem der pro-palästinensischen Frauen um Alexandra Ocasio-Cortez (OCA). Sie agitiert als militante Sprecherin der “Demokratischen Sozialisten von Amerika”. Auch wenn Biden Israels Recht auf Verteidigung hochhält, ist Israels Position in den USA mit Trumps Abwahl schwächer geworden.

Israels Todfeindin: Alexandra Ocasio-Cortez.