BISS – Napoleons Pyrrhussieg 1812

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Ein BISS-Beitrag zu General Napoleons Bonapartes 200. Todestag am 5. Mai 2021.

Borodino, 7. September 1812. Bild von Albrecht Adam.

  • Im Jahr 279 v. Chr. errang König Pyrrhos I. von Epirus in der Schlacht bei Asculum gegen das Römische Reich einen taktischen Sieg. Er erlitt aber derart schwere Verluste, dass er ausrief: “Noch so ein Sieg, und wird sind verloren!” Hernach war sein Heer so geschwächt, dass er den Pyrrhischen Krieg verlor.
  • Als Pyrrhussiege gelten die mexikanische Überwältigung von rund 60 Fremdenlegionären im Gefecht von Camerone 1863, das russische Vordringen in der Brussilow-Offensive 1916 oder der serbische Vorstoss nach Vukovar 1991.
  • Der bekannteste Pyrrhos der Militärgeschichte ist kein anderer als Kaiser Napoleon I., Frankreichs “Mann der Vorsehung”. Taktisch gewann er am 7. September 1812 gegen den russischen Feldmarschall Kutusow die Schlacht bei Borodino; aber strategisch verlor er dann im abgebrannten Moskau den Feldzug und in letzter Konsequenz Krone und Empire.
  • Am 5. Mai 2019 jährt sich zum 200. Mal der Todestag des grossen Korsen, der in britischer Verbannung auf St. Helena im Südatlantik starb.

“Der Winter, unser treuester Verbündeter”

Da waren sie noch Verbündete. Alexander I. und Napoleon I. 1807 auf dem Memel-Floss bei Tilsit.

Europa 1812 vor Napoleons Offensive. Violett/blau seine Herrschaft. Dunkelgelb Österreich. Grün Russland. Rot von der Ostsee her die Front am 24. Juni 1812.

Napoleons Grosse Armee fiel am 24. Juni 1812 mit 600’000 Mann in Russland ein. Sie überschritt die Memel und rückte gegen Osten vor. Im Frühjahr hatte der Kaiser in ganz Europa Truppen rekrutiert. Dem russischen Zaren Alexander I. kündigte er die Freundschaft, als ihm dieser machtpolitisch Widerstand entgegensetze. Vergessen war der Schwur auf dem Floss bei Tilsit, den sie am 25. Juni 1807 geleistet hatten; auf immer und ewig wollten sie sich damals verbünden. 1812 jedoch waren Frankreich und Russland Todfeinde.

Barclay de Tolly.

Der erste Gegner der napoleonischen Armee war Marschall Michael Barclay de Tolly, Befehlshaber des zaristischen Westheeres. Der Balte Barclay vertraute auf die Tiefe des russischen Raumes. Er liess den Eindringling ins Leere laufen, vermied die Entscheidungsschlacht und übergab dann am 29. August den Oberbefehl dem Marschall Michail Kutusow; der Fürst Kutusow war am Hof der Favorit des russischen Adels.

Wie Barclay hielt sich der neue Befehlshaber an die Prophezeiung des russischen Gesandten in London, der im Juni geschrieben hatte:

  • “Wir siegen dank zäher Abwehr und stetigem Rückzug.”
  • “Nimmt der Feind die Verfolgung auf, dann ist das sein Ende; denn je weiter er sich von seinem Nachschub entfernt und in wegloses Land vorstösst, hungernd und von Kosaken umzingelt, desto gefährlicher wird seine Lage.”
  • “Der Winter, seit jeher unser treuester Verbündeter, wird ihn schliesslich besiegen.”

Kutusow bestimmt den Schlachtort

Der Stratege Kutusow liess seine Armee weiter zurückfallen und rang sich Anfang September zu einem kühnen Plan durch. Eingedenk der Pyrrhos-Erfahrung entschloss er sich, dem Kaiser eine Abnützungsschlacht zu liefern, von der sich dieser nicht mehr erholen sollte. Kutusow kannte das Gelände zwischen Smolensk und Moskau wie seinen Hosensack. Er bestimmte die Stätte der Konfrontation – und er wählte den Ort geschickt.

Wo der Kolocha-Fluss in die Moskwa mündet, liegt das Dorf Borodino in hügeligem, teils bewaldetem, von Gräben und Schluchten durchzogenem Land. Durch Borodino im Norden verlief die neue Strasse von Smolensk nach Moskau, durch die Holzkaten von Utitza südlich ein alter West-Ost-Weg. Zum Kreml in der damals alten Hauptstadt Moskau ist es von Borodino 115 Kilometer.

Auf den beherrschenden Höhen im Osten liess Kutusow pfeilförmige Stellungen errichten, flèches in französischer oder Fleschen in deutscher Sprache. Im Zentrum errichtete der Marschall eine Befestigung: die Grosse Redoute. Seinen Gefechtsstand schlug Kutusow gedeckt durch das Dorf Gorki bei der Anhöhe 232 auf.

Napoleon, aufrecht, mit Fernrohr.

Napoleon liess das, was ihm von der Grossen Armee geblieben war, im Westen aufmarschieren. Zu seinem Feldherrenhügel erkor er die Anhöhe 233 bei Schewardino. So begegneten sich die Befehlshaber auf Augenhöhe. 1’800 Meter voneinander entfernt, beobachteten sie jeden Vorstoss, jede Finte, jeden Zug des andern – solange es Rauch und Pulverdampf zuliessen. Napoleon, 43 Jahre alt, stand aufrecht, gerüstet mit starkem Fernrohr. Der 67-jährige Kutosow sass.

Kutusows 1. und 2. Armee

Der Aufmarsch am 6. September 1812. Blau Napoleon, rot Kutusow.

Lage 6.30 Uhr. Napoleon greift an.

Der Aufmarsch vom 6. September war der weltgeschichtlichen Bedeutung der Schlacht angemessen. Kutusow warf rund 120’000 Mann in die Schlacht. Barclay de Tolly befehligte im Norden die 1. Armee mit etwa 90’000 Mann, Fürst Bagration hielt südwärts die links Flanke mit circa 30’000. Die Zarenarmee umfasste in vorderster Linie Infanterie- und Grenadierkorps, verstärkt von Kavallerie- und Kosakenkorps. Hinter den Grenadieren brannten Kutusows Kürassiere auf ihren Einsatz. Die Garde behielt der Feldmarschall als Reserve zurückgestaffelt in seiner Hand.

  • Ganz im Norden deckten Platows Kosaken die rechte Flanke an der Moskwa.
  • Parallel zur Kolocha stellte Barclay de Tolly Baggovouts II., Tolstois IV. und Dochturows VI. Infanteriekorps auf. In zweiter Linie standen Uwarows I., Korfs II. und Kreutzens III. Kavalleriekorps.
  • Barclays linker Flügel markierte die Abschnittsgrenze von der 1. zur 2. Armee.
  • Marschall Bagrations Dispositiv lautete von der Grenze zu Barclays Armee von Nord nach Süd: Rajewskis VII. Infantriekorps mit Sievers’ IV. Kavallerie; hinter den Fleschen Borosdins VIII. Korps mit den Grenadieren; Tuchkows III. Korps.
  • Den äussersten südlichen Flügel bei Utitza sollten Karpows Kosaken gegen Umfassung verteidigen.

Napoleon noch mit 128’000 Mann

Napoleon blieben von den ursprünglich 600’000 noch 128’000 Mann: 84’000 Infanterie, 28’000 Kavallerie, 16’000 Artillerie. 19’000 Mann waren Garde, 109’00 regulär.

  • An der linken Flanke, doch nicht so weit nördlich wie Kutusows Kosaken, postierte der Kaiser die bayerische Kavallerie.
  • Südlich anschliessend befehligte sein Stiefsohn Eugène de Beauharnais, der Vizekönig von Italien, die italienische Garde.
  • Ins Zentrum stellte Napoleon Ney III. und Davouts I. Corps. Dahinter standen Murats Kavallerie, die polnische Weichsel-Legion, die junge, die alte und die berittene Garde.
  • Im Süden hielt sich Polens Hauptharst, Poniatowskis Kavallerie, zur Umfassung der Russen bereit.

Ermattete Pferde, erschöpfte Reiter

Über der Verlauf der Schlacht sind wir gut im Bild. Von französischer und russischer Seite ist sie bis ins Detail belegt; wenn auch mit differenzierter Gewichtung. Das 19. Jahrhundert war das Zeitalter der Chronisten und Schlachtenmaler. Letztere zeichneten manchmal grell, mitunter düster in ihren kolossalen Gemälden Sieg und Niederlage. Einer der Künstler, der Bayer Albrecht Adam, schrieb gewandt.

Ihm verdanken wir den Augenzeugenbericht, der den teils jämmerlichen Zustand der Grossen Armee vor der Schlacht festhält. Adam schreibt: “Mühsam und sehr langsam schleppen sich die Colonen der Infanterie auf den vom Regen erweichten, fast grundlosen Strassen einher, fast alle Viertelstunde gab es einen Halt. Die recht schlecht ernährten Soldaten fühlten sich von Müdigkeit und der Last ihres Gepäckes fast erdrückt. Kleider, Armatur, alles wurde durch die Nässe doppelt schwer.”

Auch Napoleons Kavallerie muss laut Adam gelitten haben: “Es wurde die Nacht durch marschiert, und nur um Mitternacht liess man die Pferde eine Stunde lang weiden. Im dichten Wald rannten sich viele auf den Pferden eingeschlafene Reiter die Köpfe an die Bäume. Da fiel ein Helm ab, da hing ein anderer nur noch am Sturmband fest, da fiel ein Reiter ganz herunter. Die ermatteten Pferde stolperten oft und stürzten, alles zeugte von den bis auf die Neige erschöpften Kräften der Truppe.”

Zynischer Schlachtplan

Adam umschreibt so farbig, wie er malte, Kutusows Strategie der Abnutzung. Schon 1812 konnte sich der Russe auf den Schlamm verlassen, der 129 Jahre später, im Herbst 1941, der deutschen Wehrmacht so tückisch zusetzte wie jetzt dem Heer Napoleons. Und der Feldmarschall wusste: Im Oktober bricht in Russland der bitterkalte Winter ein – der Winter, der am 5./6. Dezember 1941 auch Hitlers Unternehmen “BARBAROSSA” scheitern liess, wenige Kilometer vor Moskau.

Kutusow sitzend mit seinem engsten Stab.

Der russische Schlachtplan mag zynisch anmuten; denn Kutusow spielte skrupellos mit Menschenleben. Aber en fin de compte, wie sich Napoleon eingestand, ging die Absicht des Marschalls auf.

  • Dank ihrer Kundschafter kannten die Russen Napoleons Pläne und den Zustand seiner Armee: Sie umfasste Anfang September 1812 nur noch gut ein Viertel der ursprünglichen 600’000 Mann.
  • Bei Borodino marschierte die Zarenarmee ausgeruht zur Schlacht auf, in der beide Parteien Zehntausende Soldaten verlieren mussten.
  • Nur konnte der Kaiser gut 100 Kilometer vor Moskau seine Verluste nicht mehr ersetzen. Kutusows Streitmacht dagegen verfügte über Reserven: Aus Russlands unendlichen Weiten liessen sich Korps und Divisionen wieder auffüllen – exakt so, wie Stalin im Winter 1941/42 per Eisenbahn frische Sibiriaken nach Moskau führte, die der Wehrmacht Einhalt geboten.

“Reichlich Nahrung, gute Quartiere”

Am 7. September 1812 kroch Napoleon den Russen auf den Leim. Er vertraute auf sein militärisches Genie, auf seine Erfahrung, auf seine Marschälle: auf Ney, den Tapfersten der Tapferen; auf Davout, den Eisernen Krieger; auf Murat, seinen Schwager, und dessen Garde …

Ob er sich der Erschöpfung seiner Mannen bewusst war? Wir wissen es nicht. Jedenfalls liess er vor der Schlacht die Truppenoffiziere eine glühende Proklamation verlesen:

  • “Soldaten, das ist die Schlacht, die ihr so sehr gewünscht hat! Von euch hängt der Sieg ab. Er wird uns reichlich Nahrung verschaffen und gute Winterquartiere.”
  • “Möge die Zukunft euren Kampf an diesem Tage rühmen. Man möge von jedem von euch sagen: Er war bei der grossen Schlacht vor Moskaus Toren dabei.”

Was Napoleon taktisch plante

Operativ und taktisch mit überragendem Palmarès ausgestattet, plante der Kaiser die Schlacht als durchdachtes Gefecht von Feuer und Bewegung – im klassischen Zusammenspiel von Infanterie, Kavallerie und Artillerie.

  • Früh sollte Eugène de Beauharnais linker Flügel zum Schein Kutusows rechte Flanke angreifen. Die Ablenkungsattacke würde den Marschall dazu verleiten, sein Schwergewicht nach Norden zu verlegen und das Zentrum zu schwächen.
  • Den Hauptstoss wollte der Kaiser durch die Mitte führen. Davout sollte Dochturows VI. Korps und Rajewskis VII. frontal angehen und niederringen; schliesslich hatte Kutusow diese Verbände zugunsten des rechten Flügels geschwächt – dachte Napoleon.
  • Gleichzeitig sollte am rechten Flügel Poniatowski mit seinen Reitern die Kosaken bei Utitza überrennen, das Dorf mit Infanterie sichern, nach Norden schwenken, die Russen hinten umfassen und den Feind einschliessen – fürwahr ein Plan klassischen Zuschnitts. Den getäuschten Gegner einkesseln: Das musste der Sieg sein, die finale Entscheidung im Feldzug!
  • In der Hinterhand behielt Napoleon unter eigenem Befehl die Garde samt der Weichsel-Legion.

Kutusow durchschaut Napoleon

Um 5.30 Uhr löste der gelernte Artillerieoffizier Napoleon links das Feuer seiner Kanonen aus. Eugène de Beauharnais’ Geschütze deckten Baggovouts II. Korps und Tolstois IV. heftig ein; nur hatten sich die Russen tief verschanzt.

Planmässig griff Eugènes IV. Corps über die Kolocha an. Aber Kutusow liess sich vom Feind nicht täuschen. Seine Späher hatten ganze Arbeit geleistet und den Russen den Plan des Gegners verraten. Baggovout und Tolstoi waren auch ohne Verstärkung gewappnet, Kutusow tastete sein Zentrum nicht an. Er beliess den mittleren Korps ihre volle Stärke.

Adam: “Mit beispielloser Erbitterung”.

Albrecht Adam beobachtete den Kampf hinter Eugène, den er vom Juni an begleitet hatte. Er berichtet: “Zuerst entbrannte der Kampf auf dem linken Flügel. Er wurde von beiden Seiten mit beispielloser Erbitterung geführt. Die Russen standen wie Mauern unter dem Feuer und den Angriffen der Franzosen. Schon deckten Tausende von Leichen die blutgetränkte Erde; und immer füllten sich die russischen Reihen aufs neue.”

Auch wenn es noch nicht Napoleons Hauptstoss war – Adam erfasste die Grundzüge der Schlacht richtig:

  • Selbst wenn Kutusow reihenweise Soldaten verlor, führte er sofort Reserven nach: Seine Front füllte sich stets wieder auf.
  • Der russische Geheimdienst war im eigenen Land dem französischen überlegen. Als sich die Grosse Armee mühsam nach Borodino vorkämpfte, sahen Tausende Augen, wie angeschlagen die Invasoren waren. In Napoleons Armee hatte Kutusows Stab kluge Agenten placiert; sie meldeten speditiv, was sie im kaiserlichen Lager erfuhren.

Frontal gegen das Zentrum

Immer noch gemäss Schalchtplan befahl der Kaiser Davouts I. und Neys III. Corps den Hauptangriff. Wie es der Feldheer wollte, gingen die Infanteristen direkt auf die Fleschen vor. Beim Gegner rückte Rajewskis VII. Korps in den Focus der Schlacht. Dort, wo Napoleon den Durchbruch anstrebte, hatte Kutusow beste Kräfte gebündelt: General Woronzows 2. Grenadierdivision, Neweroswskis 27. Infanterie und Dukas 2. Kürassiere, kraftvoll unterstützt von Kartätschen.

Lage um 9.30 Uhr.

Adam schildert das Geschehen plastisch: “Schon vormittags dehnte sich der Kampf auf der ganzen Schlachtlinie aus. Furchtbar rollte der Donner der Geschütze meilenweit, ungeheure Rauchsäulen stiegen allerwärts empor.”

Und er konstatiert: “Aber alle Anstrengungen blieben ohne Erfolg. Der Mittag kam, und des furchtbaren Mordens war noch kein Ende. Ein General nach dem andern wurde verwundet zurückgebracht. Bluttriefend schleppten sich die Soldaten aus dem Kampf. Was ich an Verwundungen und Verstümmelung an Menschen und Pferden gesehen, ist das Grässlichste, was mir je begegnete.” Mit den Generalen meinte Adam die Opfer in Napoleons I. Corps, das vor Russland so manche Schlacht ruhmreich bestanden hatte:

  • Marschall Davout, der Befehlshaber, erfuhr, dass die Russen General Compans, den Kommandanten der 5. Division, ausgeschaltet hatten.

Louis-Nicolas Davout, der Eiserne Marschall.

  • Er erkannte im Zentrum die Verwirrung und führte zur Verstärkung das 57. Linienregiment selber nach vorn. Da riss eine russische Granate dem Eisernen Marschall das Pferd unter dem Sattel weg – jäh fiel auch er aus.
  • Napoleon behielt den Überblick: Er ersetze Davout durch den ebenso erfahrenen General Rapp. Jedoch traf der Feind auch Rapp; der alte Haudegen wurde zum 22. Mal in einer Schlacht verwundet.
  • Nun warf der Kaiser General Dessaix ins Gefecht; aber auch ihn streckten die Russen nieder.

Männer wie Festungen

Ein Patt ergab sich im Süden. Auf Napoleons Befehl zog das V. Armeecorps los. Potiatowskis Kavallerie nahm Utitza in Besitz, aber Tutschkows 3. Infanteriekorps holte das Dorf zurück. Zur Entlastung führte der Pole das VII. Corps heran, dessen westfälischer Kern erneut angriff. Nachdem Russen die hölzernen Katten in Brand gestreckt hatten, erstarrte die Front; auch wenn die Artillerie beider Kontrahenten noch heftige Feuerschläge austeilte. Des Kaisers Umgehungsplan jedenfalls war gescheitert.

Im Zentrum konzentrierte sich die blutige Schlacht auf die Grosse Redoute und die Fleschen. Unentwegt rannten und ritten die Reste der Grossen Armee heran. Sie nahmen die beiden herausragenden Stellungen ein, sie verloren sie, sie kamen zurück und so weiter und so fort. Napoleon hatte den Gegner unterschätzt.

Ausschnitt aus Roubauds monumentalem Panoramabild: Kampf um die Fleschen.

Gut zu erkennen die pfeilförmigen Fleschen (flèches).

So tapfer die angreifende Infanterie sich ins Feuer warf, so glänzend Joachim Murat seine Reiter ins Gefecht führte – die Russen hielten stand. Der Kaiser konnte eines nicht verstehen: In Mittel-, West- und Südeuropa wären die Gegner längst gewichen, dezimiert, verzweifelt, geschlagen. “Diese Infanterie muss man mit Kanonen zerstören, diese Männer sind Festungen.”

Die Fleschen griff Napoleon im Lauf des Tages sieben Mal an; jede Attacke mündete in den Nahkampf, mano a mano, unerbittlich, ein grausames Hauen und Stechen. Marschall Bagration, im Vollbesitz seiner Kommandogewalt und seiner enormen Kraft führte die Gegenschläge selber an. Um 11 Uhr verletzten ihn Kanonengranaten schwer. Seine Soldaten trugen ihm vom Schlachtfeld, doch sollte er seinen Wunden erliegen.

Im Sommer 1944 ehrte ihn die Rote Armee: Sie benannte den tiefen Vorstoss zur Weichsel nach dem Fürsten. Jenie durchschlagende Operation trug den Code “BAGRATION”.

“2’600 Kilometer von Paris”

Ungeachtet des russischen Widerstands glaubte Marschall Ney unerschütterlich daran, den entscheidenden Durchbruch erzielen zu können – wenn ihm der Kaiser nur Frankreichs Reserve ganz zuspräche. Er sandte einen Offizier auf Napoleons Gefechtsstand und stellte Antrag, Napoleon möge die Garde vor die Fleschen befehlen.

Napoleon beurteilte die Gesamtlage. Er wog seine Optionen ab.  Da fragte ihn Marschall Bessières, der die Garde-Kavallerie befehligte: “Wollen Sie 2’600 Kilometer von Paris Ihre letzte Reserve einsetzen?” Der Kaiser lenkte ein. Er sicherte Ney noch mehr Artillerie zu, als er schon hatte, und richtete das Feuer von 400 Kanonen auf die Fleschen. Aber das, was er brauchte, die gesamte Garde, bekam der Tapferste der Tapferen nicht.

Russische Leibgarde greift an.

Artillerie auf beherrschender Höhe.

So souverän soll General Uwarow sein I. Korps geführt haben. Rechts eines der zwölf Geschütze, die Kutusow dem Korps und den Kosaken unterstellt hatte.

Doch auch Marschall Kutusow beging Fehler. Gegen Mittag befahl er der Kavallerie, die linke Flanke der Franzosen zu umfassen. Zuerst kamen Platows Kosaken und Uwarows I. Korps voran. Unterstützt von zwölf mobilen Geschützen schwenkten 8’000 Reiter auf das feindliche Hauptquartier ein. Eugène musste seinen nun ernsthaften Angriff abbrechen, nachdem der Gegner seine schwache Nachhut von hinten aufgerollt hatte. Napoleons Gefechtsstand war alarmiert, selbst der Train geriet in Bedrängnis.

Dennoch scheiterte die kühne Attacke der russischen Kavallerie. Wohl hatte ihr Kutusow die zwölf leichten Geschütze unterstellt; aber er liess Kosaken und Dragoner ohne Infanterie angreifen. Weder Platow noch Uwarow hielten ohne Fusstruppe das glanzvoll errungene Gelände. Die Kosaken und das I. Korps wichen zurück.

“Ungeheure Cavalleriemassen”

So erbittert Kutusow und Napoleon um die Fleschen rangen, so böse tobte der Kampf um die Redoute. Mehrmals wechselte die Befestigung die Hand. Tausende und Abertausende verbluteten. Auf das Zentrum setzte Napoleon setzte im Zentrum Latour-Mauburgs IV. Kavalleriekorps an, geführt von der Sächsischen Garde du Corps, gefolgt von Thielmanns Kürassieren und Roznieckis Ulanen. Dezimiert im Kugelhagel der russischen Infanterie, stiessen die Reiter auf die Dragoner und Husaren, die ihnen die Generale Sievers und Kreutz entgegenstellten.

Reiterschlacht.

Als der Kaiser auch noch die Garde-Kavallerie freigab, beobachtete Albrecht Adam: “Napoleon hatte den verzweifelten Entschluss gefasst, letzte Cavalleriemassen auf die Russen zu werfen. Der Angriff war prachtvoll, aber schauerlich anzusehen; die Kriegsfurie war los, alle Waffen in Tätigkeit: das Schwert, das Bajonett, alle Arten von Geschossen. Ungeheure Staubwolken stiegen empor und vermengten sich mit dem Pulverdampf. Zwischen heraus sah man die Schwerter unheimlich blitzen, der Sturm sauste über Tote und Verwundete hinweg.”

Lage um 16 Uhr. Fleschen und Redoute in Napoleons Hand.

Auguste-Jean-Gabriel, Comte de Caulaincourt fällt.

Beide Armeen erlitten grausame Verluste. In beiden Lagern fielen Befehlshaber im Dutzend. Nachdem Napoleon zur Schlussattacke geblasen hatte, verwundeten die Russen General Montbrun, den der Kaiser durch de Caulaincourt ersetzte. Aber auch dieser überlebte die Schlacht nicht. Gegen Abend setzten sich die Franzosen auf der Redoute fest, erschöpft, ausgeblutet, zum Nachstossen nicht mehr fähig.

In Adams Worten: “Mit Schaudern schweift unser scheuer Blick über das Schlachtfeld. Zwischen verstümmelten Leichen und zerrissenen Gliedern rangen Verwundete ächzend in ihrem Blut mit dem Tod. Keiner kümmert sich um den andern, jeder hatte hatte mit seinem Elend genug zu tun.”

Der vermeintliche Sieg

Kutusow hatte erreicht, was er von Anfang an gewollt hatte: die entscheidende Schwächung der Grande Armée, die diesen Namen nicht mehr verdiente. Erneut ordnete er an, was den Gegner schon im Laufe der Sommermonate zermürbt hatte. Er zog das russische Heer um 1’800–2’000 Meter in eine Rückfallstellung zurück. Kutusow wusste: Der Gegner war nun so geschwächt, dass er die Verfolgung nicht aufnehmen konnte. In der Tat verzichtete Napoleon auf einen weiteren Vorstoss. Über dem Schlachtfeld brach die Nacht herein.

Korrekt hielt Adam fest: “Die Russen zogen sich in Ordnung in eine zweite Position zurück, in der sie, durch eine Reihe Redouten und Verschanzungen aller Art gedeckt, unangreifbar waren.”

Am 8. September glaubten die Franzosen die Schlacht gewonnen zu haben. Zum Feiern war ihnen im Angesicht ihrer brutalen Verluste nicht zumute. Napoleon behielt das Ziel seiner Expedition fest im Auge: Er musste nach Moskau gelangen, in die alte Hauptstadt, schon 1708/09 das Ziel des Schwedenkönigs Karl XII, dessen Feldzug er studiert hatte. An der Moskwa wollte er seinen Feind, den Zaren, in die Knie zwingen; im Kreml sollte Frankreich triumphieren.

Der Anfang vom Ende

Allein Kutusow schätzte die Lage besser ein. Weder konnte Napoleon seine Verluste ersetzen noch ernährte die verbrannten Erde die feindliche Restarmee; und des Kaisers Soldaten waren für den russischen Winter zu dünn gekleidet – wie die deutschen Landser 1941/42.

Fili, 14. September 1812: Kutusow (links) hält Kriegsrat. Rajewski sitzt vor dem Fenster. Yermolow steht rechts, unter ihm Barclay de Tolly.

Napoleon in Moskau. Die Stadt brennt.

Die russische Armee zog sich geordnet nach Osten zurück. Selbst Moskau überliess sie dem Gegner. Der Kreml fiel am 14. September. Kutusow hielt Kriegsrat mit seinen Getreuen – ausserhalb der Stadt, im Dorf Fili. In der Kate des Bauern Frolow fiel der Entscheid: Bald brannten in Moskau die Holzhäuser. Der Flammensturm erfasste die alte Kapitale. Napoleons Soldaten hungerten, Schnee setzte ein. Der Zar verweigerte das Gespräch, er bat nicht um Frieden. Im Gegenteil: Er wartete ab, er sah zu, wie die kaiserliche Armee krepierte. Als Napoleon einsah, dass er in den Ruinen der Stadt nichts mehr zu suchen hatte, blies er zum Rückzug.

Es sollte der berühmteste und furchtbarste Rückzug seit Xenophons Anabasis im Jahr 401 v. Chr. werden. Der Winter forderte seinen Tribut, stete Nadelstiche raubten den Franzosen die letzte Kraft, ihre Nachhut kam nicht mehr zur Ruhe. Von den 600’000 Mann, die losgezogen waren, schleppten sich am Schluss noch 20’000 über die Grenze. Als Letzter verliess Marschall Ney Russlands Boden.

Zeitgenössische Karte zum verlustreichen Flussübergang über die Beresina. a. bezeichnet von den Russen zerstörte Brücken, b. von den Franzosen gebaute Brücken.

Michel Ney, der Tapferste der Tapferen, war der letzte Franzose, der die Memel überschritt.

Napoleon überliess am 5. Dezember an der Memel die Reste seiner Armee ihrem Schicksal. Auf dem Schlitten eilte er nach Paris zurück. Sollten doch Ney und seine Kameraden retten, was noch zu retten war. Erneut hatte Russland seine Resilienz erwiesen. Das Riesenreich verschluckt den Gegner, Zerstörungen hungern ihn aus, 30° unter Null geben ihm den Rest.

Karl XII. hatte es versucht. Napoleon I. schaffte es bis Moskau, Adolf Hitler fast. Aber Russland belehrte alle drei eines Besseren.

1943: Operation “KUTUSOW”

Michail Kutusow fiel 1813 als Oberbefehlshaber der neuen preussisch-russischen Front bei Tillendorf, verehrt von seinen Soldaten als der wahre Sieger von Borodino. Tolstoi setzte dem Fürsten im Roman “Krieg und Frieden” ein Denkmal. Stalin stiftete den Kutusow-Orden. Im Sommer 1943, nach der epischen Panzerschlacht von Kursk, gab die Rote Armee dem Gegenangriff zum deutschen Unternehmen “ZITADELLE” den Namen des  Fürsten – die siegreiche Operation erhielt den Code “KUTUSOW”.

In Moskau ist an der Landstrasse nach Borodino die innerstädtische Prachtsallee nach dem Marschall benannt; dort erinnert im Panoramamuseum Roubauds monumentales Gemälde an die Schlacht von 1812; und noch immer heiraten russische Paare gerne im Standesamt am Kutusow-Prospekt.