BISS – Mit Satelliten gegen Proklamationen

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US Bildlegende: “Neue Su-34-Stationierung auf dem Primorsko Akhtarsk Luftstützpunkt bei Krasnodar, 13. Februar 2022.” Die Staffel umfasst zehn Flugzeuge. Krasnodar liegt rund 100 Kilometer von der Front entfernt, für den Jagdbomber Su-34 ein Katzensprung.

Heute, 16. Februar 2022, ist der ominöse Mittwoch angebrochen, an dem die russische Armee die Ukraine überfallen soll – mindestens, wenn es nach den amerikanischen Geheimdiensten geht. Es sind dieselben Geheimdienste, die der kaputten Ghani-Armee in Kabul noch am Vortag des Taliban-Einmarsches ein Vierteljahr Gnadenfrist gaben.

Man soll den Tag nicht vor dem Abend beurteilen. Doch eine Frage ist erlaubt: Kennt die CIA die sowjetische Doktrin, wonach bei einer Offensive das Höchstmass an Überraschung herauszuholen ist? Stalins sibirische Divisionen vor Moskau am 5./6. Dezember 1941? Schukows Zange um Stalingrad am 23. November 1942? Putins Gegenschlag gegen Shalikashwilis Zündelei am 7. August 2008, dem Angriffstag gegen Georgien? Die Krim in der Nacht zum 1. März 2014? Und so weiter, und so fort …

Die zweite Frage lautet: Wem sollen wir glauben, was Putins Ankündigung betrifft, Russland ziehe Truppen ab?

  • Sind es die Proklamationen aus dem Kreml, schwach sekundiert erstens von einer recht nichtssagenden Videosequenz: von der Szene, in der T-72 auf Eisenbahnwagen verladen werden? Und zweitens von einer gespenstischen Nachtaufnahme: Zwei mächtige rote Lokomotiven ziehen einen schwer mit Panzern beladenen Zug über die Kertschbrücke, offenbar von der Krim weg?
  • Oder vertrauen wir der Gegenpropaganda, die sich auf teils gestochen scharfe Satellitenfotos stützt?

Schwer zu sagen! Zu beachten gilt es die Beurteilung des wohl erfahrensten Schweizer Offiziers, der sich gewohnt ist, Einzelbeobachtungen, die kleineren Mosaiksteine in das grosse Ganze einzuordnen. Auch er, ein Mann, der russische Generalstabschefs persönlich kannte, stellt Fragen: Wie steht es um die innere Kohäsion des Aufmarsches? Was ist Material, was sind Menschen? Wo finden wir den Kräfteansatz zu einem zwingenden Angriffsdispositiv? Wo ist es reine Drohgebärde? Warum wiederholen sich gewisse Luftbilder Monate lang?

Dies soll den folgenden Aufnahmen amerikanischer Satelliten vorangestellt sein. Der regierungsnahe Dienst Defense One placiert sie von den USA aus auf dem Internet. Mindestens ein Bild rechtfertigt die letzte Frage unseres Freundes: Yelnya, Yelnya, Yelnya. Mit schneefreien Fotos von diesem frontfernen Lager begann es im April 2021 – und mit exakt diesem logistischen Stützpunkt warten am 15. Februar 2022 die Amerikaner erneut auf, nun natürlich verschneit.

So bringen wir die neuesten Satellitenprodukte zurückhaltend – im Wissen, dass sich die militärische Lage nach wie vor in die eine oder andere Richtung bewegen kann.

Nochmals der Stützpunkt Primorsko Akhtarsk bei Krasnodar. Oben blau die Su-34-Staffel. Zusätzlich diagonal weitere Staffeln.

US Legende: Helikopter-Stationierung am Donuzlav-See auf der Krim, 13. Februar 2022.

Yelnya. Die Szene, die einem seit April 2021 bekannt vorkommt. Nicht einmal der Schnee ist neu. Die US Legende identifiziert die Stationierung als Bataillonskampfgruppe. Yelnya südlich Smolensk ist frontfern. Ein “Aufmarsch” in der Gliederung schwer zu erkennen.