BISS – Mit Pflästerli gegen Putin?

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Die Niederlande stellen Bulgarien zwei F-35A – im April. Foto: Oben F-35, unten F/A-18.

Nun rasselt auch die NATO mit diversen Säbeln:

  • Ja nach Lesart sollen die USA 5’000 bis 8’500 Mann nach Osteuropa verlegen. In den “REFORGER”-Manövern 2020 und 2021 bewiesen sie, dass ihr Air Mobility Command in nützlicher Frist Soldaten und Material über den Atlantik schafft.
  • Die Niederlande entsenden zwei ihrer neun  F-35A nach Bulgarien, dessen Luftwaffe aus 15 MiG-29A/UB aus dem Kalten Krieg besteht. Die beiden Superjets landen auf einem bulgarischen Stützpunkt – im April! So schnell schiessen die Holländer nun auch wieder nicht.
  • Die spanischen Seefahrer schicken ihre Fregatte Blas de Lezo F-103 und das Hochseepatrouillenboot Meteoro P-41 ins Schwarze Meer. Was von der Flota, dem Kern der ruhmreichen Armada Española kommt, verstärkt jede NATO-Flotte.

Spaniens Lenkwaffenfregatte Blas de Lezo nimmt Kurs auf dei türkischen Meerengen und das Schwarze Meer.

  • Frankreich will Rumänien stärken. Dänemark stellt in der Ostsee eine Fregatte und den Litauern vier seiner 34 F-16AM Fighting Falcon.
  • Grossbritannien liefert Pzaw-Raketen Jevelin nach Keiw. Wie hier bereits berichtet, umfliegt die Royal Air Force von RAF Brize Norton, Oxfordshire, den deutschen Luftraum. Zur Ukraine steht die Berliner Ampel auf Rot.
  • Das erfahren auch die Balten. Sie wollen der Ukraine gezogene Feldhaubitzen FH-70 und Panzerhaubitzen PzH 2000 abgeben. Sie haben die Rechnung jedoch ohne Berlin gemacht. Für die deutschen Geschütze liegt keine Ausfuhrgenehmigung vor. Besser handeln die USA: Der Abgabe von Javelin-Lenkwaffen und Stinger-Boden-Luft-Raketen steht von Washington aus nichts im Wege. In jedem Fall schwächen Estland, Lettland und Litauen ihre ohnehin schwache Panzerabwehr, Artillerie und Luftverteidigung.

 

  • Und so weiter und so fort. Die Liste ist unvollzählig.

Die Royal Air Force fliegt über die Nordsee, Dänemark und Polen nach Kiew. Unsichere Kantonisten wie Deutschland und die Niederlande werden umflogen.

Ukrainische Soldaten nehmen Javelin-Raketen in Empfang.

Der militärische Kräftevergleich

Reichen diese Gesten guten Willens, um die Ukraine zu verteidigen? Politisch sind es markante Willensbekundungen. Aber früh hat der im Westen entscheidende Mann, Präsident Biden, dargelegt: Militärisch kommt die NATO der Ukraine nicht zu Hilfe, weil diese dem Nordatlantikpakt nicht angehört. Insofern hat der russische Autokrat Putin freie Hand. An den Fronten wäre Kiew auf sich allein angewiesen.

Da lohnt sich ein Blick auf das Kräfteverhältnis, für das wir Oberst i Gst Jürg Kürsener danken. Die Aufstellung stammt aus einer verlässlichen Quelle, aus der Erhebung von Global Firepower Ende 2021:

Blau Ukraine, rot Russland.

  • Beim Bestand sollten wir uns auf die aktiven Kräfte konzentrieren. 255’000 Ukrainern stehen 1’104’000 Russen gegenüber. Auch wenn wir die 3:1-Formel von “Angreifern zu Verteidigern” anwenden, bleibt Russland überlegen.
  • Aber ohnehin sind die Zahlen relativ. Bei der Ukraine stellt sich die Frage nach dem Ausbildungs- und Trainingsstand einer Viertelmillion Mann; und Russland braucht Verbände an anderen Fronten wie im Militärbezirk West oder an der sibirischen Grenze.
  • Bei der Luftwaffe erübrigt sich jeder Kommentar. Mit ihren MiG-29 Fulcrum, Su-24M Fencer und Su-25 Frogfoot macht die Ukraine keinen Staat. Die russischen Piloten mit der Suchoi-Flanker-Reihe Su-27 bis Su-35, mit den MiG-31BM und den Tu-22M3M-, Tu-95MS- und Tu-160M1-Bombern führen eine der weltweit stärksten Luftwaffen ins Gefecht.
  • Auch wenn Global Firepower nicht auf die gesamte Luftverteidigung eingeht, dürfte Russland die Luftüberlegenheit erringen; wobei die russische Flab mit ihren S-400, S-300, Buk-M1/2, Osa, Strela, Igla und dem Kanonen-Raketen-Panzer Pantsir-S1 mehrfach kriegserprobt ist.
  • Bei den Kampfpanzern müssten es 2’430 ukrainische Kampfwagen mit 13’000 russischen aufnehmen. Bei den Schützenpanzern lautet die Ratio 11’435 zu 27’100.
  • Etwas verwirrlich lautet die Grafik puncto Artillerie. Weil sie die bedeutenderen Panzerhaubitzen zu den armoured verhicles, zu den gepanzerten Fahrzeugen, zählt, fällt der Vergleich der 2’040 gezogenen Geschützen der Ukraine mit Russlands 4.465 gezogenen Rohren wenig aussagekräftig aus. Doch allein schon aufgrund der überaus starken Artillerie-Tradition der Russen ist anzunehmen, dass auch in einem potentiellen Ukrainekrieg der Angreifer die gegnerische Abwehr mit starkem, unablässigem Granaten- und Raketenhagel eindecken würde.
  • Bei den Schiffen nennt Global Firepower 13 Ukrainer und 214 Russen. Die russische Marine kann nicht alle Einheiten im Schwarzen Meer konzentrieren. Dennoch ist nur schon aufgrund der beherrschenden Krim anzunehmen, dass die Russen amphibische Landungen planen, sei es am Asowschen Meer (Mariupol) oder vom Schwarzen Meer aus (Odessa). Die Marineführung verlegt Landungsschiffe aus dem hohen Norden und von der Baltischen Flotte ins Konfliktgebiet.

Fazit – alles offen

  • Erstens: Die Pläne und Aktionen diverser NATO-Staaten sind gut gemeint.
  • Zweitens: Solange aber Präsident Biden wankt und Deutschland – terrestrisch zentral gelegen und geopolitisch einflussreich – auf der Bremse steht, werden die NATO-Pflästerli einen mit allen Wassern gewaschenen Machtpolitiker wie Putin nicht so richtig abschrecken. Bei Biden weiss man nicht, was gilt; so wenig wie unter seinem Vorgänger Trump.
  • Drittens: Auch am 25. Januar 2022 kennen – ausser womöglich Putin, sein Minister Shoigu und der fähige General Gerassimow – ganz wenige Russlands finale Absicht. Ob Krieg ausbricht oder nicht, wird im Kreml entschieden. Das ist offen.
  • Viertens: Wenige kennen den Zeitplan. In der sowjetisch-russischen Tradition steht die Überraschung weit oben – siehe Moskau 1941, Stalingrad 1942, Krim 2014. Oft schon warf der Generalstab Truppen aus der Verschiebung oder Manövern direkt in die Schlacht. An zwei denkbaren Achsen, auf der Krim und in Belorus, finden permanent Manöver statt.
  • Fünftens: Vollends müssig sind Prognosen zum Ausgang des potentiellen Kriegs. Man sollte davon Abstand abnehmen. Es gilt General Pattons Wort: “Kein Schlachtplan, und sei er noch so gut, hat je die erste Feindberührung überlebt.” Nur die Siebengescheiten, die das Gras wachsen hören, sagen den Verlauf voraus. Alles ist offen.

Über Krim beteiligt sich die russische Luftwaffe permanent an Manövern.