BISS – Militärgenie Napoleon?

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π Napoleon auf der Brücke von Arcole. Antoine-Jean Gros’ Bild hängt in Versailles. Versionen finden sich in der Hermitage von Sankt Petersburg und im Schloss Arenenberg zu Salenstein.

Der Kaiser 1812 in Russland.

Am 5. Mai 2021 wird die literarische Welt Napoleon Bonaparte, Frankreichs “Mann der Vorsehung”, gebührend würdigen: Am kommenden Mittwoch jährt sich zum 200. Mal der Todestag des Kaisers. Nach der Niederlage von Waterloo am 18. Juni 1815 verbannten ihn die Alliierten auf das unwirtliche, kalte Eiland St. Helena im Südatlantik. Dort starb er an Magenkrebs.

Erste Kommentare zum Todestag klingen eher politisch. Fällt am 5. Mai das Wort von Napoleons militärischem Genie? Wir wissen es noch nicht. Wie dem auch sei – wir fassen den strategischen Genius des Korsen mit spitzen Fingern an.

Sein überragendes Können als Truppenführer, seine singuläre taktisch-operative Begabung sind unbestritten. Aber war er auch strategisch ein Genie? Spanien 1808? Russland 1812? Leipzig 1813? Waterloo 1815? Schätzte der Mann, den Franzosen als den grössten ihrer Geschichte einstufen, gegen Ende seiner Laufbahn die Lage stets richtig ein?

Früher Ruhm – verdient

Aufsehen erregt Major Bonaparte erstmals im August 1793 vor Toulon. Von der englischen Flotte geschützt, halten Royalisten die Stadt. Bonaparte zwingt sie kühn in die Knie. Wie ein Komet steigt er militärisch auf.

Ruhmvoll besiegt er Österreich 1796/97 in Italien. Er führt von vorn, er überzeugt an der Spitze seiner Soldaten, er erweist sich als der überlegene Planer und Exekutor des Feldzugs. Unsterblich wird sein Eingreifen auf der Brücke von Arcole bei Mantua, als er seine Truppe schon als General befehligt: Er erscheint auf dem Übergang, ergreift die Fahne, setzt sich an die Spitze seiner Grenadiere und reisst sie zum Siege mit.

Auf der Brücke von Arcole.

Blau Bonapartes Vormarsch von Verona an den Fluss Alpone.

Antoine-Jean Gros’ Bild kündet in Versailles von Bonapartes Ruhm. Versionen finden sich in der Hermitage zu Sankt Petersburg und im Schloss Arenenberg zu Salenstein.

In Italien schliesst der Sieger Waffenstillstand mit Österreich und Frieden mit dem Papst. Auf eigene Faust beweist er politisches Geschick. Er meidet die Machtkämpfe von Paris. Doch die unangefochtene Stellung als Heerführer verleiht dem 28-Jährigen auch in der Hauptstadt Gewicht.

Der Staatsstreich vom 18. Brumaire VIII (9. November 1799).

Napoleons Parvenu-Adel.

Als junger General versteht er in den aufgewühlten Revolutionsjahren die Sehnsüchte der Völker. Den Stolz der Italiener spricht er mit der Gründung der Cisalpinischen Republik an. Den französischen Wunsch nach Ordnung und Frieden stillt er mit dem bewaffneten Staatsstreich vom 18. Brumaire VIII (9. November 1799). In Deutschland nutzt er den Überdruss an Kleinstaaterei und Absolutismus.

Der Korse wurzelt in der revolutionären Forderung nach Freiheit und Gleichheit. Letztlich schaden ihm aber seine autokratischen Züge, der masslose Ehrgeiz und das Aufkommen seines Parvenu-Adels. Napoleon Bonaparte müsste deckungsgleich denken und handeln: als Träger und Visionär einer gezügelten Revolution – wie auch als Vorbild an persönlicher Bescheidenheit. Hierin versagt er.

Erste Rückschläge – dauerhafte Reformen

1798 erleidet General Bonaparte erste Rückschläge. In Ägypten bricht er den unnötigen Feldzug ab, nachdem Admiral Nelson bei Abukir die französische Flotte besiegt hat. Auf Widerstand stösst der Erste Konsul auch in Italien und Deutschland.

Die verlorene Seeschlacht von Abukir (1798).

Anderseits vollbringt er von 1799–1804 Reformen, die seine Zeit überdauern. In Lunéville schliesst er Frieden mit Österreich, in Amiens mit England. Die Heere atmen auf. Napoleon nutzt den Frieden. Er stellt den Staat Frankreich auf das Fundament, auf dem er heute noch ruht. Zur Rechten erteilt er den Royalisten Absagen, zur Linken den Jakobinern. Er beendet den Kirchenkampf, schafft den einheitlichen Code Civil, strafft die Schulen, kurz: er gibt seinem Land die administrative und rechtliche Basis für Prosperität – und seiner eigenen Herrschaft das Fundament.

Am 6. November stimmt das französische Volk – nach amtlicher Zählung – mit 3’572’329 Ja zu 2’579 Nein für Napoleons erbliches Kaisertum.

Marschallstab im Tornister

Militärisch öffnet Bonaparte allen Tüchtigen die Offizierslaufbahn. Den Marschallstab im Tornister tragen Getreue wie Joachim Murat, Michel Ney, André Massena, Jean-Baptiste Bessières – Gastwirt-, Küffer-, Weinhändler- und Barbier-Söhne.

Als Kaiser strebt Napoleon I. in Europa die Vorherrschaft an. Er verfällt dem Wahn, ein Imperator wie Cäsar oder Karl der Grosse zu sein. Er pocht auf die Demographie: Frankreich zählt mehr Einwohner als jeder andere europäische Staat. Sein Heer ist fortgeschritten, gross, stark. Kulturell füllt sich die Grande Nation allen anderen überlegen. Doch England widersteht. Da eröffnet Napoleon den Wirtschaftskrieg: Am 21. November 1806 unterwirft er Britannien der Kontinentalsperre – ein Fehler von enormer Konsequenz.

Epochale Triumphe

Jedoch als Feldheer und Staatsmann feiert der Kaiser epochale Triumphe:

  • Am 2. Dezember 1805 siegt er in Austerlitz.
  • Im Juli 1806 errichtet er den Rheinbund, der ihm noch 1812 nach Russland Truppen stellen wird.
  • Am 14. Oktober 1806 ringt er Preussen in Jena nieder.
  • Auf dem Floss bei Tilsit verbündet er sich am 7. Juli 1807 mit Zar Alexander I. Auf der Memel erreicht er den Höhepunkt seiner kontinentalen Macht.

Jena 1806: Napoleon reitet die kaiserliche Garde ab.

Der Sieg von Jena. Rot Preussen, Blau Frankreich.

Als General wirkt Napoleon nicht minder revolutionär als politisch. Er revolutioniert die militärische Taktik und Operationsführung. Er verwirft die überkommenen Praktiken des 18. Jahrhunderts, mit denen die stolzen Briten in Amerika ihre 13 Kolonien verloren hatten. Er erfindet eine Doktrin, die vieles vorausnimmt, was im 20. Jahrhundert Gültigkeit bekommt:

  • Er nutzt die grosse Einwohnerzahl seiner Nation. Er schafft eine auch numerisch starke Armee von Wehrpflichtigen. Er setzt um, was selbst im 21. Jahrhundert in europäischen Ländern noch gilt: die Miliz, den Bürger in Uniform.
  • Er vertraut auf Feuer und Bewegung. Tempo ist alles. Er schmettert den Gegner mit schnellen Manövern nieder. Er sucht den Gegner auf und forciert die Entscheidungsschlacht; dort, wo ihm das Gelände am besten konveniert.

Auf dem Höhepunkt der Macht.

  • Er bündelt die Kräfte, er bildet Schwergewichte, “klotzen, nicht kleckern” zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
  • Voraussetzung sind kluge Aufklärung, präzise Stabsarbeit, das Zusammenspiel von Infanterie, Kavallerie und Artillerie, die zuverlässige Logistik, eingespielte Verbindungen – und das Überraschungsmoment. Der Feind soll das erleiden, was er nicht erwartet hat.
  • Vom Soldaten erwartet Napoleon erstaunliche Märsche. Sein Heer marschiert in Tagen so weit, wie es der Gegner nur in Wochen schafft.

Offene, flexible Struktur

  • Den starren Aufbau der Truppe ersetzt der Korse durch eine offene, flexible Organisation unabhängiger Korps und Divisionen. Er vertraut seinen Unterführern, mit denen er in aller Regel seit Toulon 1793 und Italien 1796/97 in den Krieg zieht. Er nimmt die moderne Auftragstaktik voraus: Er legt fest, was er von seinen Marschällen erwartet; wie sie das Ziel erreichen, das überlässt er ihnen, sofern sie taugen.
  • Beweglich handhabt er den Nachschub und die Instandhaltung. Er legt Depots an; doch die Truppe versorgt sich meist vor Ort aus der Gegend (wo jedoch der Feind auf dem Rückzug die eigene Erde verbrennt, wie in Russland, hungern Napoleons Soldaten, was ihre Kampfkraft empfindlich schwächt).

Vor allem aber kann sich Napoleon die Gefolgschaft seiner Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere verlassen. Sie gehen für ihn durchs Feuer, solange er keine strategischen Fehler begeht. Seine Männer sehen im Kaiser einen der ihren.

Portugal, Spanien, Russland

Goya: Franzosen exekutieren Spanier.

Napoleons Niedergang kommt schleichend. Die Blockade Englands soll die widerspenstige Seemacht unterwerfen. Alle Seehäfen will der Mann, der Festlandeuropa beherrscht, hermetisch schliessen – letztlich ein aussichtsloses Unterfangen. Er muss die Sperre sozusagen vervollkommnen und scheitert. Dafür verzettelt er sich im Bemühen, die Briten zur Raison zu zwingen. Es folgen verhängnisvolle Waffengänge und der monumentale Fehlschlag seiner letzten grossen Expedition:

  • In Portugal umgeht England die Kontinentalsperre. Frankreich marschiert ein und nimmt das unbotmässige Land in Besitz. In Spanien setzt Napoleon, gestützt auf seine Truppenmacht, als König seinen Bruder Joseph ein. Die Spanier erheben sich und schlagen Joseph in die Flucht. Die britische Krone entsendet ein Expeditionskorps unter Arthur Wellesley, dem späteren Herzog von Wellington. Nach der Niederlage von Vimeiro kapituliert General Jean-Andoche Junot, in Bonapartes Dienst seit Toulon. Frankreich räumt Portugal.
  • Da greift Napoleon selber ein. Er rückt mit einer starken Armee in Spanien ein.  Im ersten Guerillakrieg der Neuzeit bieten ihm die Spanier die Stirn. Erfolglos kehrt der Kaiser nach Paris zurück. Der spanische Kleinkrieg dauert an und bindet wertvolle, teure Truppen, die Frankreich anderweitig fehlen.
  • Zar Alexander I. erkennt Napoleons ungewohnte Schwäche. Er kündigt dem Korsen das Bündnis von 1807. An der Ostsee wird die Blockade gegen England laufend durchbrochen. Im Sommer 1812 macht sich die Grosse Armee zur Strafexpedition auf. 600’000 Mann stark überquert sie vom 24. Juni an die Memel. Sie dringt ins unendlich weite, feindliche Russland ein. Fürst Barclay de Tolly, ein Balte in zaristischem Sold, lässt Napoleon ins Leere laufen, immer weiter, immer tiefer ins Verderben.

Russland 1812. Napoleons Rückzug.

  • Am 7. September verschleisst Feldmarschall Michail Kutusow die Grande Armée bei Borodino. Auch er verliert Zehntausende, aber Russland kann den Aderlass ersetzen – im Gegensatz zu Napoleon. Noch zieht der Kaiser in Moskau ein. Doch nach dem Kriegsrat von Fili lässt Kutusow die alte Hauptstadt in Flammen aufgehen. Der Zar verweigert dem Invasoren das Gespräch. Der Winter, “Russlands treuester Verbündeter”, bricht herein. Napoleons Soldaten frieren, sie hungern, sie glauben so wenig noch an den Sieg wie der Kaiser.
  • Als Napoleon einsieht, dass Alexander I. unendlich warten kann, bläst er zum Rückzug. Am 5. Dezember setzt Marschall Ney als Letzter über die Memel, einer von noch 20’000 Überlebenden des misslungenen Feldzugs.

Das grösste Militärgenie?

Es ist das hirnverrückte Russland-Abenteuer, das nun viele an Napoleons militärischem Genie zweifeln lässt. Übertrifft sein taktisch-operatives Talent seine strategischen Gaben? Wie konnte er sich in einen Feldzug stürzen, den er nur schon aufgrund der langen Linie verlieren musste? Immerhin kannte der grosse Korse das Schicksal des Schwedenkönigs Karls XII., der am 8. Juli 1709 bei Poltawa gegen die Russen krachend verloren hatte.

In der Tat rückt Russland 1812 die Lobeshymnen auf Napoleon in ein schiefes Licht. Ist er wirklich “das grösste Militärgenie, das die Welt je gesehen”?

Als der Kaiser in jenem Schicksalsjahr die Grosse Armee ostwärts der Weichsel versammelt, leisten ihm Truppen aus seiner Herrschaft nochmals Gefolgschaft. Aber von Anfang an kriecht der Empéreur den Russen auf den Leim. Er, der grosse Feldherr, verheddert sich in einem klassischen Abnutzungskrieg. Sein Nachrichtendienst versagt, die Logistik stockt, der Bestand schwindet – Eis, Schnee, Kälte tun das ihre. Das Genie von Austerlitz erlischt, der “Kriegsgott” verliert den Feldzug und, wie wir sehen werden, Reich und Krone.

Der Rest ist Geschichte

Am 5. Dezember 1812 verlässt Napoleon seine Soldaten an der Memel. Auf dem Schlitten fährt er nach Paris. Sein Empire, zur Aussperrung Englands vom Herrscher ausgestreckt bis Lübeck und Dalmatien, zerbricht militärisch.

Lepzig 1813: Napoleons Flucht (rot). Blau seine alliierten Gegner.

Österreich und Preussen wittern Morgenluft. 1805, 1806 und 1809 gedemütigt, aber auf dem Papier am Leben erhalten, verbünden sie sich jetzt mit England und Russland. Vom 16.–19. Oktober 1813 ringen die neuen Alliierten den Kaiser in der Völkerschlacht von Leipzig nieder. Am 31. März 1814 besetzen sie Paris. Am 6. April dankt der Kaiser ab. Die Sieger sind gnädig: Sie verbannen Napoleon “nur” auf die Insel Elba.

Von dort beobachtet der Korse die Zeitenläufte. Auf dem Wiener Kongress streiten Briten, Russen, Preussen und Habsburger um die Vormacht in Europa. In Frankreich weckt die Restauration der Bourbonen nicht gerade Begeisterung. Am 1. März 1815 landet Napoleon bei Fréjus an der provenzalischen Küste. Je näher er Paris rückt, desto inniger jubeln ihm die Franzosen zu – Vive l’Empéreur!

Waterloo. Letztes Aufbäumen unter der Tricolore.

Aber die Feinde des Korsen schliessen ihre Reihen wieder. Am 18. Juni 1815 nimmt das Intermezzo der “Hundert Tage” sein Ende. In Belgien, bei Waterloo, stellt sich Frankreich den Briten zur Schlacht.

Mit den 84 Kanonen der Grande Batterie eröffnet Napoleon seine letzte militärische Aufwallung. Er bringt den Gegner, den Herzog von Wellington, in Bedrängnis. Gegen Abend seufzt Wellington: “Ich wünschte, es wäre Nacht; oder die Preussen kämen.” Da tritt die Wende ein. An Napoleons rechter Flanke erscheint Gebhard Leberecht von Blücher, Preussens “Marschall Vorwärts”. Er entscheidet die Schlacht, Napoleon verliert – ein letztes Mal.

St. Helena. Auf dem Totenbett.

Diesmal verbannen die Briten ihren “ewigen” Gegner in den Südatlantik. Auf St. Helena stirbt Napoleon Bonaparte am 5. Mai 1821. Im Oktober 1840 findet er seine letzte Ruhestätte im Invalidendom zu Paris.

“Fortuna, Infortuna, Fortuna”

In der Kapelle beim Schloss Arenenberg brachte Napoleon III., im Zweiten Empire sein Nachfolger, die Inschrift an: “Fortuna, Infortuna, Fortuna” – zuerst das Glück Napoleons I., dann dessen Unglück, hernach wieder das Glück des Neffen, welch letzterer aber alles andere als ein militärisches Genie war. Am 1./2. September manövrierte ihn der Preusse Helmuth Moltke bei Sedan nach Strich und Faden aus. In Bismarcks Kutsche fuhr er in Gefangenschaft – “Infortuna”, das zweite Mal für den Stamm der Bonaparte, gut ein halbes Jahrhundert nach Waterloo.

Zum “grössten Militärgenie aller Zeiten” wären noch andere Namen ins Spiel zu bringen: Alexander der Grosse, Hannibal, Cäsar, Karl der Grosse, Saladin und all die Heerführer und Admirale der Neuzeit – Gustav Adolf von Schweden, Nelson, der schon genannte ältere Moltke, Foch, Nimitz, Manstein, Patton, Sharon, Schwarzkopf, um nur einige zu nennen.

 

 

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