BISS – “Können Russen Krieg?”

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Die Bilder zu den Russen stammen von der Krim: Mot-Schützenzug.

Krim, russischer Luftstützpunkt: Su-34-Staffel.

In der NZZ wirft der ukrainische Schriftsteller Nikolai Klimeniouk die Frage auf: “Können Russen Krieg?” Und beantwortet sie aus seiner Sicht:

“Der russische Einmarsch würde einen grossen und höchstwahrscheinlich langanhaltenden Krieg auslösen, in den unausweichlich mehrere Parteien involviert werden würden.”

Abgesehen davon, dass Klimeniouk seine “unausweichlich mehreren Parteien” nicht definiert, verstösst er gegen die Erfahrung, dass sich Kriegsverläufe nur schwer voraussagen lassen. Woher will er wissen, dass es zum “höchstwahrscheinlich langanhaltenden Krieg” kommt?

Wohl verweist der Autor “in Fall einer grossflächigen Besatzung” auf “dauerhaften Widerstand”. Das setzt voraus, dass die russische Armee auch Territorien besetzte, in denen prowestliche, ukrainisch-stämmige Kräfte das Sagen haben.

Nur: Weiss er nicht, dass Präsident Putin seine Ziele auch mit der Eroberung einzig der russische geprägten Gebiete erreichen würde – die Verhinderung des NATO-Beitritts der Ukraine und Garantien, dass die USA an der russischen Grenze keine Offensivwaffen stationieren.

Krim, Kirovskoye: Mi-8- und Mi-24-Helikopter.

Krim, Angarsky: Heerestruppe.

Beide Parteien kriegserfahren

Wenn sich Putin überhaupt zum Einmarsch entschiede, was nicht abschliessend erwiesen ist, dann ist es immer noch verfrüht, den Kriegsausgang zu prophezeien. Festhalten lassen sich Kräfteansätze und Kriegserfahrung:

  • In Russland gibt es kaum eine Familie, die in den Kriegen seit 1941 nicht einen Mann verloren hat. Die Rote Armee stiess 1945 nach Berlin vor und walzte im Kalten Krieg Aufstände nieder, bis sie ihr Afghanistan-Debakel erlitt und den Rüstungswettlauf gegen die USA verlor.
  • Die russische Armee schlug in Tschetschenien blutige Schlachten und dann den kurzen Georgien-Krieg. Unter General Gerassimow besetzte sie lautlos die Krim. In Syrien bewahrte sie – mit Iran – den Kriegsverbrecher Asad vor dem Untergang. Gleichzeitig machte sie Werbung für ihre modernen Waffen.
  • Auch die ukrainischen Streitkräfte kennen den Krieg. Im Donbass halten sie eingegraben die Front um die russisch besetzten Provinzen Donezk und Luhansk.

Aufnahme von der Donbass-Front: Ukrainer im Grabenkrieg.

Klimeniouk: “Harte Bodenkämpfe”

  • In der direkten Konfrontation an der ukrainischen Grenze würde Gerassimow schnelle Durchbrüche suchen. Er würde das qualitative und quantitative Übergewicht seiner Streitkräfte in die Waagschale werfen. Er lässt ganze Armeen aufmarschieren, schwergewichtig mit offensivem Charakter.
  • Wohl sieht die hybride Gerassimow-Doktrin auch den Cyber- und den Psychologischen Krieg vor; doch ihr Schwergewicht liegt im koordinierten Einsatz von Heeres-, Luftwaffen-, Luftlande-, Spezial- und Marineverbänden. Auch wenn Klimeniouk den Russen “massive Luftangriffe und harte Bodenkämpfe” in Aussicht stellt, ist Putins Armee nicht zu unterschätzen.
  • Was die Kampfkraft der Ukrainer angeht, schreibt der in Sewastopol geborene Klimeniouk: “Die ukrainischen Streitkräfte sind kampferprobt, hochmotiviert und viel besser gerüstet als vor acht Jahren.” Er wird es schon wissen.