BISS: Karl Barth – Widerstand gegen die Nazis

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Wieder gilt es in der GMS-Reihe eine Schrift von aussergewöhnlichem Format anzuzeigen:

  • Der Herausgeber, Oberst und PD Dr. Hans Rudolf Fuhrer, schildert packend den Widerstand des bedeutendsten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts, des Professors Karl Barth, gegen den Nationalsozialismus – “Im Namen Gottes des Allmächtigen”; letzteres der Titel des wortmächtigen Barth-Vortrages in diesem Kontext, gehalten am 6. Juli 1941 in der Heimstätte Gwatt am Thunersee.
  • Hans Rudolf Fuhrer bat Dr. Niklaus Peter, Pfarrer am Zürcher Fraumünster, seine Gedanken zu Karl Barths Widerstand zu Papier zu bringen. Viele kennen Niklaus Peter als den wohltuend sachlichen Kolumnisten im Magazin des Tages-Anzeigers. In der GMS-Schrift analysiert er in der schlanken Sprache, die seine Kolumnen auszeichnet, Barths bedingungslosen Kampf gegen die Nazis aus theologischer Sicht.

Karl Barth (1886–1968).

  • Der Herausgeber bat auch den Bischof von Basel um einen Beitrag. Dieser musste wegen Arbeitsüberlastung absagen. Hans Rudolf Fuhrer bittet um Verständnis für das, was er selber einen Verstoss gegen die GMS-Statuten nennt.
  • Fuhrers und Peters Werk wird abgerundet durch den Text “Kadetten in der Schweiz” des Aargauer Reallehrers und Artillerieoffiziers Max Rudolf, bezogen schwergewichtig auf die Jahre 1939–1945 und das Kadettenkorps Schöftland.
  • Im Wortlaut erscheint Karl Barths Rede vom Juli 1941. Zwei Wochen, nachdem die Wehrmacht im Unternehmen “BARBAROSSA” in die Sowjetunion einmarschierte, rief Barth 2’000 junge Schweizerinnen und Schweizer in einer Ansprache ohne Wenn und Aber dazu auf, gegen den Nationalsozialismus eindeutig, vorbehaltlos, mit aller Kraft, Stellung zu beziehen. Die Zensur verbot die Publikation – ein schreiendes Unrecht. Mit einem Augenzwinkern merkt Fuhrer an, er bringe den Text “80 Jahre später ohne Zensur der Obrigkeit”.

104 Tage Aktivdienst

In seinem konzisen Text ruft Hans Rudolf Fuhrer in Erinnerung: Im Zweiten Weltkrieg leistete Karl Barth am Rhein, im Jura und in Brunnen 104 Tage Aktivdienst. Als 54-jähriger meldete er sich Ende März 1940 beim Kreiskommandanten Major Saladin. Der Major gratulierte ihm umgehend für seine “vorbildliche Haltung”.

Den Helm, das Gewehr und das Bajonett bewahrte Karl Barth im Schlafzimmer auf.

Der grösste protestantische Theologe seiner Zeit bestand darauf, bewaffneten Dienst zu leisten – in der Bewachungskompanie V Basel-Stadt. Einem Holländer schrieb er, jetzt gelte für ihn das irdische Gehorsamsgebot aus dem 6. Kapitel des Epheserbriefes. Den Helm, die Uniform und das Gewehr samt Bajonett bewahrte er im Schlafzimmer auf; er wollte “zu jeder Tages- und Nachtzeit aufbrechen” können.

Hans Rudolf Fuhrer nennt Karl Barths Aktivdienst “ein klares Zeichen an die Pazifisten und an die Defaitisten, was nicht gering zu werten ist.” Barth wollte sich zum Volk zählen.

Existentiell bedroht

Seine Miteidgenossen warnt Karl Barth: Wenn ein fremder Geist einzöge in die Schweiz, in die Verfassung, in die Gesetze und Sitten, “dann müsste es uns unheimlich werden in unserer Heimat.” Die Ehre der Schweiz wäre dahin; sie würde angepasst und gleichgeschaltet: Die Schweiz ist zur Insel geworden; sie ist existentiell bedroht.

Karl Barths Pfarrhaus in Safenwil.

Barths Botschaft ist eindringlich. Sie gemahnt an General Henri Guisans Rütlirapport vom 25. Juli 1940: Hört nicht auf verzagte und anpasserische Stimmen. Die Schweiz muss und kann sich verteidigen. Die Staatsidee der Eidgenossenschaft steht für “Gemeinschaft, in der es Freiheit gibt”, und für eine “Freiheit, die der Gemeinschaft dient”. Und nochmals an Pazifisten und Defaitisten gewandt: “Es gibt Wüsteres als der Krieg der Selbstverteidigung.”

Hans Rudolf Fuhrer schliesst seinen magistralen Text mit Karl Barths Wertung der strategischen Kultur der Schweiz 1941: “Die Schweiz wird von menschlicher Verwirrtheit und von göttlicher Vorsehung regiert.” Fuhrer: “Damit das Urteil 2100 über uns nicht gleichlautend ist, haben wir noch viel zu tun. Die göttliche Vorsehung ist unverdiente Gnade, ausser man sei ein Verfechter der Werkgerechtigkeit. Handeln wir aber so, als könnten wir sie verdienen – in vorauseilender Dankbarkeit.”

Der geistige Wiederaufbau

Pfarrer Niklaus Peter schreibt bescheiden, er versuche, “Barths Entwicklung von einer frühen metapolitischen, staatskritischen Theologie zu einer differenzierten, konkrete politische Stellungnahmen zugunsten einer bedrohten Schweiz nicht scheuende Theologie nachzuzeichnen.” Das gelingt ihm.

Der bedeutendste evangelische Theologe seiner Zeit.

Prägnant umreisst Niklaus Peter Barths Mut und Stellung in bedrohter Zeit: “Viele Intellektuelle und sogar Theologen sympathisierten mit jenen totalitären Gegenreligionen. Für ihn hingegen waren Diskussionen hier ausgeschlossen, man müsse gegen sie kämpfen, wo man könne.” Deshalb habe er mit voller Kraft am geistigen Wiederaufbau der christlichen Kirche gearbeitet: “Nicht an einem windelweichen weltanschaulichen Verein, sondern an einer gesellschaftlichen Kraft, welche gegen gefährliche, verbrecherische Gegenreligionen steht – einer Kirche, die gleichzeitig weiss, wofür sie steht.”

Auch Niklaus Peter schlägt in seinem Resumé den Bogen zur Gegenwart.

Man werde Barths Versuch einer engagierten, auch politisch argumentierenden Theologie zur Stärkung des Widerstandes neu lesen müssen: “Seine leidenschaftlichen, kraftvollen, durchaus rhetorischen Hinweise auf historische Zeichen und somit auf Identitätselemente unseres Landes, die aus der Sicht der Mitglieder unserer Kirchen damals und auch heute noch eine klar erkennbare Verbindung zu einer evangelischen Ethik, einem evangelischen Rechts- und Freiheitsverständnis haben, sind ein Beitrag zur Stärkung des Verteidigungswillen – ohne dass damit der Nationalismus erneut eine höchst problematische, theologische Weihe erführe.”

Gegen Gleichschaltung

Schliessen wir mit Zitaten aus Karl Barths grundlegender Rede vom 6. Juli 1941:

  • Es brauche Christen, um zu erkennen, “dass Hunger, Kälte und Krieg besser zu ertragen wären als Sünde und Schande, dass ein ehrenvoller Untergang der Schweiz sie sicherer erhalten würde als eine friedlich-fröhliche, aber treulose Gleichschaltung.”
  • “Gott bewahre unser Volk und seine Führer vor allzu grossem staatspolitischem Schlauseinwollen. Ich sehe keine Stelle in der Schweizer Geschichte, wo dieses Schlauseinwollen uns wirklich gut bekommen wäre.”
  • “Wenn es gilt, da zu sein als Christen, dann heisst es sich einzuordnen in Reih und Glied mit den anderen Eidgenossen, wer, was und wie sie immer sein mögen, wie wir mit ihnen in den grauen Reihen unserer Armee den Fahnenentscheid geschworen haben und wie wir im Ernstfall mit ihnen würden sterben müssen.”

So lautet 1941 das Bekenntnis des sprachmächtigsten, glühendsten evangelischen Theologen seit Martin Luther. Wie hohl, wie verlogen, wie dürftig wirkt heute der Pazifismus Schweizer Pfarrerinnen und Pfarrer, ein Hohn, eine Schande.