BISS – Kabul: Die militärische Lage – aktuell

Standard

 

 

 

BBC: Braun Taliban, blau Regierung, gelb umkämpft. Südlich von Kabul erscheint braun der Provinzhauptort Pol-e Alam, 75 km von Kabul entfernt.

Southfront Lagekarte 14. August 2021, 6 Uhr Ortszeit. Grün Regierung, braun Taliban, weiss umkämpft.

 

  • 5’238 Kilometer von der Schweiz spielt sich eine militärische Tragödie epischen Ausmasses ab. 5’238 Kilometer: Soviel misst die Luftlinie von Bern zur afghanischen Hauptstadt Kabul. Noch hält die Regierung das Machtzentrum. Aber immer bedrohlicher rücken straff geführte Taliban-Verbände auf Kabul vor.
  • Fällt die Hauptstadt, übernehmen die fanatischen Aufständischen erneut die Macht im Land. Schon einmal, ab 1996, eroberten, beherrschten, drangsalierten und terrorisierten die paschtunischen Jihadisten das Land. Sie schüchterten Frauen ein und suchten ihren verworrenen Macho-Wahn in die Tat umzusetzen. In Kabul herrscht jetzt zu Recht Alarm.

Global Security gibt dieses Luftbild frei. Es zeigt eine klassische Taliban-Hochburg im Süden.

  • Militärisch kommen die Taliban alles andere als geschniegelt daher. Aber sie kennen das Terrain, sie sind todesmutig, folgen einer stringenten Strategie und besetzen Provinz um Provinz. Zuletzt holten sie so “grosse Preise” wie Herat und Kandahar. Selbst vom Norden – nicht ihre Hochburg – rücken sie vor: Ziel Kabul.
  • Ihre Rüstung mutet archaisch an. Doch das täuscht. Wenn sich die amerikanisch gerüsteten “Regierungstruppen” in die Büsche schlagen, dann lassen sie bestes Material unzerstört liegen. Soeben fielen den Taliban in Herat sieben Helikopter unversehrt in die Hand.

Verlässliche Lagekarten und -berichte

Wie stets, wenn es brennt, wissen Neunmalkluge, wie und wann es ausgeht – konkret: wann Kabul fällt. Von Schätzungen auf der Zeitachse nehmen wir Abstand. Jedoch können wir unser Bestes tun, anhand zuverlässiger Lagekarten und -berichte ein aktuelles Lagebild herzustellen.

Wir stützen uns dabei auf Dienste, von denen wir aus den einschlägigen Kriegen wissen, dass sie sich auf beste Quellen stützen und nicht spekulieren. Wir verlassen uns auf die Erfahrungen aus Syrien, Irak, Yemen, Libyen und Berg Karabach. Namentliche angelsächsiche Institutionen erwiesen sich als konkrete, militärisch fundierte Beobachter.

Long War und Southfront

Zu den Afghanistan-“Klassikern” gehört in Sachen präzise Karten der Dienst Long War. Hier sein aktuelles Lagebild:

Braun Taliban, rot eroberte Provinzhauptstäde seit dem 6. August 2021.

Aller Augen richten richten sich auf Kabul. Long War hält eindeutig den Südstoss der Taliban auf die Hauptstadt fest. Der rote Punkt südlich von Kabul markiert den Provinzhauptort Pol-e Alam, noch 75 Kilometer von Kabul entfernt.

Gemäss der Karte sind die Aufständischen von Südwesten her stärker, aus ihrem angestammten paschtunischen Kernland. Hier grenzt ihr Territorium an Pakistan, wo sie ihre Rückzugsräume und logistischen Lager haben. Der Norden grenzt an Tajikistan, die Nordprovinzen “unterstehen” seit jeher anderen Kriegsherren (war lords).

Bemerkenswert ist bei South Front der Vergleich vom 12. zum 14. August 2021.

Grün Regierung, braun Taliban.

Verglichen mit der heutigen Lage (> siehe oben) sieht es für die Regierung (grün) noch etwas besser aus. Ihr Herrschaftsgebiet schrumpft aber von Tag zu Tag – wie zum Beispiel Agence France Presse (AFP) konstatiert: “mit erschreckendem Tempo”.

BBC, AP und Washington Post

Die militärischen Kenner der BBC – verbunden auch mit den vorzüglichen strategischen Instituten in London, wie RUSI oder IISS – gaben gestern die folgende Lage frei:

Braun Taliban, blau Regierung, gelb umkämpft.

Auf dieser zurückhaltenden Karte sieht es für die Regierung leicht besser aus. Mehr Territorien werden als “umkämpft” eingestuft > nach BBC-Beurteilung noch nicht ganz in Taliban-Hand. Was Kabul betrifft, liegen die nächsten Taliban-Stützpunkte westlich und südöstlich, aber auch nordöstlich. Diese Karte deutet eher auf eine Einkesselung der Hauptstadt hin, nicht nur auf den Durchstoss von Süden.

Associated Press (AP), Amerikas beste traditionsreiche Agentur, richtet am 12. August 2021 das Augenmerk auf Kabul, das türkisfarben festgehalten wird.

Wie die BBC sieht AP die Hauptstadt von drei Achsen her gefährdet > insofern decken sich zwei der grossen angelsächsischen Quellen > Einschliessung der Kapitale.

Zum Schluss noch die Washington Post:

Rot eroberte Provinzhauptstädte. Schwarz bleiben noch Jalalabad im Osten und die Landeshauptstadt Kabul.

Die Karte zeigt das Ausmass der militärischen Katastrophe, die sich am Hindukusch abspielt. Nach 20 Jahren NATO-Besetzung und Milliarden und Abermilliarden Investition in einheimische Kräfte bricht das Kartenhaus zusammen.