BISS – An ihren Taten sollt Ihr sie erkennen!

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Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid spricht auf seiner ersten Pressekonferenz in Kabul.

 

Es war die erste Pressekonferenz der Taliban nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan. Ihr Sprecher Zabihullah Mujahid trat machtbewusst auf. Fragen der nationalen und internationalen Presse beantwortete er energisch bestimmt – im Tonfall des militärischen Siegers.

Prüfstein 1: Terroristen wie al-Kaida und ISIS

Mujahid versprach viel. An seinen Versprechen wird das neue Regime zu messen sein. Im Bewusstsein, einen zwei Jahrzehnte dauernden Krieg gewonnen zu haben, sprach Mujahid die Korrespondenten direkt an:

„Sie sind die Zeugen unseres Kampfes in all seinen Phasen geworden. Nach 20 Jahren haben wir unser Land erneut befreit und unabhängig gemacht und alle ausländischen Truppen rausgeworfen.“

Das stimmt. Nur: Werden die Glaubenskrieger ihr Land auch von Terroristen wie der al-Kaida oder dem ISIS freihalten, um nicht wieder zum sicheren Hafen von Mördern und Attentätern zu werden?

Das ist der Prüfstein Nummer 1.

Prüfstein 2: Scharia und Frauenrechte

Am historischen Sonntag, 15. August 2021, in Kabul.

Dann versprach Mujahid: “Das Islamische Emirat wird die Rechte der Frauen schützen, solange sie sich im Rahmen der Scharia bewegen.”

Gnädig erklärte Mujahid, Frauen dürften unter den Taliban „Aktivitäten in verschiedenen Sektoren nachgehen: Bildung, Gesundheit und andere Bereiche“.

Mehrmals wiederholte Mujahid den Satz: „Wir versichern allen, dass es keine Diskriminierung gegen Frauen geben wird, sondern dass sie mit uns leben werden. Innerhalb der Grundsätze der Scharia.“

Was heisst das? Heisst es im Klartext: Frauen sind faktisch entrechtet? Oder bedeutet es: Die Taliban kehren nicht zum Terror von 1996–2001 zurück, als sie Frauen und Mädchen komplett entrechteten?
Das ist der Prüfstein Nummer 2: Es gilt gut zu beobachten, ob Mädchen die Schule besuchen, ob Frauen arbeiten und ein würdiges Leben führen dürfen.
Prüfstein 3: Partner der Welt?

Kabul, das Drehkreuz der Handelsstrassen. Illusion oder Realität?

Hernach war es dem Taliban-Sprecher sehr daran gelegen, den Westen nicht gegen seine siegreiche Armee aufzubringen. Er beteuerte, niemand müsste sich vor den Taliban sorgen.

„Das Islamische Emirat will keine Rache an niemandem nehmen“, sagte Mujahid in der Übersetzung seines Dolmetschers. Vom Emirat gehe „keine Gefahr aus“. Und weiter: „Wir wollen sicherstellen, dass Afghanistan nicht mehr das Land der Konflikte ist. Wir sind heute Partner mit allen, die gegen uns gekämpft haben. Wir haben keine Feindschaft mit niemandem im In- oder Ausland.“

Landung einer Boeing C-17A Globemaster III.

Prüfstein 3: Obsiegt im Lager der Sieger der moderate Flügel, der Afghanistan und seiner (noch) rund 39’835’000 Menschen zählenden Bevölkerung Frieden und Wohlstand verheisst? Oder setzen sich die harten Gotteskrieger durch, die soeben ihren grössten Sieg errungen haben? Denn Aufschwung gibt es nur in Kooperation mit den Nachbarn und vielen Staaten der Welt. Diese werden genau schauen, wie die Taliban mit den Frauen umgehen, ob und wie sie die grausame Scharia handhaben und wie sie reagieren, sollten sich al-Kaida- und ISIS-Verbrecher einnisten.
Prüfstein 4: Sicherheit von Leib und Leben 

16. August 2021: Menschen am Flugplatz.

Mujahid versprach auch, das Ausland müsse sich keine Sorgen um seine Vertretungen und Mitarbeiter im Land machen: „Die Sicherheit der Botschaften hat für uns höchste Priorität. An alle ausländischen Nationen: Ihre Botschaften, Ihre Mitarbeiter und Ortskräfte werden von uns 24 Stunden am Tag geschützt werden.“

Auch die Todesangst der Tausenden am Flughafen von Kabul, von denen sich einige an abfliegenden Flugzeugen festkrallten und in den Tod stürzten, suchte der Taliban-Führer zu relativieren: „An die Familien, die am Flughafen auf die Evakuierung warten. Wenn Sie nach Hause zurückkehren, werden Sie sicher sein. Niemand wird Ihnen etwas tun. Niemand wird an Ihre Tür klopfen.“

Und an die Ausländer gewandt: „Ich versichere Ihnen, dass wir allen Angestellten der internationalen Streitkräfte verzeihen werden. Niemand von Ihnen hat Vergeltung von unserer Seite zu befürchten“.

Das ist der aktuelle Prüfstein Nummer 4: Wie halten es die Taliban mit der Sicherheit von Leib und Leben all der Menschen, die ihnen nun weitgehend schutzlos ausgesetzt sind? Hält der Burgfrieden, den der amerikanische General General Kenneth F. McKenzie, ein gelernte Marine, am Flugplatz Kabul ausgehandelt hat?

Prüfstein 5: Opium im Süden


Die Karte zeigt den Opium-Anbau > Schwergewicht im Süden, im Stammland der paschtunischen Taliban.

Seit jeher ist Afghanistans Süden due Hochburg der paschtunischen Taliban. Dort wächst der Mohn, den die Einheimischen zu Opium verarbeiten und exportieren. Auch dazu gab Mujahid Versprechen ab: Das Islamische Emirat werde keine Drogen schmuggeln.

Ein schwieriger Prüfstein: Selbst wenn das Emirat mit einigermassen freundlich gesinnten Staaten ins Geschäft käme – kann es auf die riesigen Einnahmen aus dem Opiumhandel verzichten?