BISS: Jim Mattis: Bagdad – sein Feldzug 2003

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Jim Mattis mit seinen Marines.

Generalmajor James Mattis übernimmt die 1st Marine Division im Sommer 2002. Die Division zählt zur Elite der amerikanischen Streitkräfte. Im Zweiten Weltkrieg war sie der erste amerikanische Verband, der gegen Japan zum Angriff überging. Die Marines landeten auf der Solomon-Insel Guadalcanal und rangen den Feind in blutigen Gefechten nieder.

Der blaue Diamant: Fünf Sterne des Südens und GUADALCANAL auf der Eins.

Der Badge der Division, der Blue Diamond, zeigt die Fünf Sterne des Südens auf dunklem Grund. Generationen von Marines trugen den Diamanten ins Gefecht, schon bevor Mattis die Kommandogewalt ausübte – im Pazifik, in Korea, Vietnam, Afghanistan und Kuwait. Wie Mattis selber schreibt, kulminierte seine Laufbahn im Marine Corps an der Spitze der 1st Division, deren Leitwort lautet: “Kein besserer Freund, kein böserer Feind.”

Mit Xenophons Anabasis

Als Generalleutnant Michael Hagee, damals Chef der ersten Marine Expeditionary Force, Mattis über die Beförderung informiert, sagt er ihm sogleich, er habe nur einen Auftrag: Er müsse die Division vom ersten Tag an zum Feldzug gegen Saddam Husseins Irak rüsten.

In der folgenden Nacht studiert Mattis die Kampagnen, die seit 2’400 Jahren das Zweistromland mit Krieg überziehen. Er beginnt die Lektüre mit Xenophons Anabasis und Alexander dem Grossen – und pflügt sich durch die Jahrtausende bis zu General Norman Schwarzkopfs Sieg im Kuwaitkrieg 1990/91. Diesen hat er selbst an der Spitze eines Bataillons bestanden; wie er sich dann auch als Brigadegeneral in Afghanistan bewährte.

Anhand des “Zuges der 10’000” macht sich Mattis mit dem Orient vertraut. Xenophon habe ihn nie im Stich gelassen.

Jedesmal, wenn er im März 2003 einen heiklen räumlichen Entschluss zu fassen hat, zieht er die Anabasis aus der Feldbibliothek, die er im Kampf stets mit sich führt. Xenophon habe ihn nie im Stich gelassen, bekennt er freimütig. Vor einem Feldzug wählt er aus seinen rund 7’000 Büchern stets die Bände aus, die ihm zur Geschichte und Geographie des Kriegsgebietes Auskunft bieten. Voller Respekt nennen ihn Kameraden den “akademischen General”.

“Vom Montag an …”

Als neuer Kommandant der 1st Marine Division ruft er an einem Freitag zuerst die älteren Offiziere und Unteroffiziere zusammen: “Nutzt das Wochenende. Macht Frieden mit Gott. Vom Montag an richten wir all unsere Kraft auf ein Ziel: Wir zerstören die irakische Armee.”

“Macht Frieden mit Gott.”

Die Division umfasst 22’000 hartgesottene Marines. Vom Vorgänger übernimmt er den Stab und das Führungskader. Aber er macht jedem klar: “Nach den ersten neunzig Tagen ziehen wir Bilanz. Wer dann nicht genügt, fliegt.”

Die alltägliche Routine überträgt er seinem Stellvertreter, Colonel John Kelly. Details übernimmt der Stab; aber Mattis ist stets à jour. Viel hält er vom Obersten John Toolan, seinem Chef Operationen. In Kut, 130 Kilometer vor Bagdad, wird er ihn noch brauchen.

Mit den Regimentskommandanten konzentriert sich Mattis auf Irak: Wie stellen wir uns auf? Wie greifen wir einen Gegner an, der Chemiewaffen einsetzt? Mattis inspiziert seine Truppe oft. Von den Kadern will er wissen, wie intensiv sie sich mit den beiden Schlüsselfragen auseinandersetzen.

In Camp Pendleton, nordwärts San Diego, lässt Mattis die Landkarte von Irak auf den Exerzierplatz malen. 7’000 Legoblöcke simulieren das Vorrücken einer jeden Einheit, inklusive die heissen Übergänge Nasiriyah und Kut. Der Nachrichtenstab analysiert jede der Feinddivisionen, die Mattis auf dem Weg nach Bagdad erwartet.

Drei Combat Teams

1st Marine Regiment (First of the First).

5th Marine Regiment (The Fighting Five).

7th Marine Regiment (The Magnificent Seven).

Die drei Infanterieregimente bilden den Kern der Regimental Combat Teams (RCT) 1, 5 und 7. Die je 5’000–6’500 Marines der RCT erhalten namhafte Verstärkung: Panzer, Artillerie und Luftwaffe verleihen ihnen willkommene Feuerkraft; von der Beweglichkeit ganz zu schweigen.

Vom Januar 2003 an baut Mattis in Kuwait mit den Befehlshabern der beiden Nachbarverbände Vertrauen auf. Links greift Generalmajor Buford “Buff” Blount mit seiner 3rd Infantry Division an, bekannt seit 1917 als The Rock, der Fels. Rechts soll die britische 1. Panzerdivision unter General Robin Brim vorrücken – bis zur Hochburg der Schiiten, zur Stadt Basra im Süden.

Zu “IRAQI FREEDOM 2003” zirkulieren auf dem Netz allerlei Karten. Die summarische Darstellung zeigt die Grundzüge der Operation. Von Kuwait greifen an: die 3. Inf Div (blau), Mattis’ 1. Marine Div (hellblau), die brit. 1 Pz Div (bis Basra). Oben von Nordwesten die 173. Fallschirmbrigade.

Blount und Mattis haben Vorgaben nur bis Nasiriyah – bis zu einem Drittel der Strecke. Doch in Absprache untereinander planen ihre Stäbe schon den Vorstoss auf Bagdad. Die 3rd Infantry Division soll auf der Westachse durchstossen, während Mattis’ Marines im sumpfigen Gelände zwischen Euphrat und Tigris vorrücken. Im Norden von Bagdad wollen Blount und Mattis die ihre Zange schliessen. Vom Marine Corps akzeptiert Lt. Gen. James Conway die Absprache. Der neue Befehlshaber I Marine Expeditionary Force kennt und vertraut Mattis.

Mattis’ Vorgesetzter: Lt. Gen. James Conway. Im November 2006 wird er der 34. Commandant des Marine Corps.

In der Wüste bauen Marines einen Sandkasten grösser als eine Football-Arena. Noch einmal spielen die Kader den Feldzug durch. Nun integriert Mattis auch Air Force, Navy, CIA und für Phase 1 die Briten.

Notrationen – für Iraks Bevölkerung

Als die Division am D-Day, am 20. März 2003, den Feldzug eröffnet, weiss jeder, was er zu tun hat. Jeder, vom General bis zum Gefreiten, lebt aus dem Rucksack. Für den eigenen Bedarf hat keiner mehr bei sich, als er tragen kann. Alle schlafen im Sand. Es gibt am Tag zwei, nicht drei Mahlzeiten. So hält Mattis die Logistik schlank, von der er weiss: Sie kann über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Überhaupt misst Mattis der Versorgung seiner Division Bedeutung bei. Aus eigener Erfahrung, aus “DESERT STORM” 1991, kennt er die Tücken der Logistik im Wüstenkrieg. Auf dem Weg nach Bagdad erwartet ihn schwieriges Gelände: Vom Wüstengefecht im Süden bis zum Häuserkampf in einer Millionenstadt. Überall würde ihn stockender oder gar fehlender Nachschub zurückwerfen.

Jeder nimmt so viel mit, wie er selber tragen kann – gilt auch für den Chef, Jim Mattis.

Zur Tonnage heisst Mattis’ Vorbild Ulysses Grant, de raue Sieger im Sezessionskrieg 1861–1865. Der befahl: “1 kleines Zelt pro Kompanie, 1 mittleres pro Regiments-KP,  1 grösseres pro Divisions-HQ.” Die Verschleuderung von Essen und Benzin stellt Mattis unter Strafe.

Notrationen lagern in jedem Fahrzeug für Iraks hungernde Bevölkerung. Vom Buch des Arabienkenners Thomas E. Lawrence zu den “Sieben Pfeilern der Weisheit” hat Mattis gelernt: Im Orient gewinnt auf Dauer nur, wer sich den Einheimischen als Freund nähert, nicht als Feind.

Der rote Punkt weist den Weg

In Front steht der 1st Marine Division die irakische 51. Panzerdivision gegenüber. Weitere gegnerische Verbände halten sich entlang der historischen Einfallsachse nach Norden verschanzt. Auf beiden Tigris-Ufern erwarten sie Mattis. Der aber beschliesst, sie via Fruchtbaren Halbmond zu umgehen. Er nimmt Tausende Bewässerungskanäle in Kauf, die das Land quer zur Angriffsachse durchziehen. Auf der Karte lässt sich in Angriffsrichtung eine einzige geteerte Strasse nach Nasiriyah ausmachen.

Vormarsch durch schwieriges Gelände.

Da entdeckt Mattis im kargen Kommandozelt auf dem Bildschirm einen roten Punkt, der sich zügig gegen Norden verschiebt. “Wie schnell fährt der Kerl?”, fragt er den Operator. “65 km/h”, antwortet dieser. Sofort befiehlt Mattis dem Chef Operationen: “Wirf das 5. und 7. RCT auf die neue Route.” Die zusätzliche Achse entpuppt sich als ausgekarrter Feldweg; aber er versieht seinen Zweck. Nur noch das 1. RCT rückt, wie geplant, entlang der zweispurigen Hauptstrasse vor. Mattis schärft seinen Kadern den “OOAD Loop” des Obersten John Boyd ein:

  • O = “observe what is going on”
  • O = “orient yourself”
  • D = “decide”
  • A = “act before your opponent acts”

Auf einem halben Blatt A4

Seinen ersten Operationsplan fasst Mattis für die Kommandanten auf einem halben Blatt A4 zusammen. In exemplarischer Kürze befiehlt er:

  • Wir erobern das Öl. Wir zerstören den Feind am Euphrat, westlich Shatt al Basra, südlich Nasiriyah. Wir stossen nach Kut entlang der Routen 7 und/oder 6, je nach Lage.
  • Wenn 51. Pz Div kapituliert, akzeptieren wir; wenn nicht, vernichten.
  • Unsere Konterbatterie schaltet gegnerische Artillerie aus. Die Luftwaffe unterstützt Vormarsch. Tempo ist alles. Stürzt Gegner ins Chaos. Sobald Knoten in Besitz, durchstossen. Gefangene nach hinten durchreichen.
  • Mit Vorstoss auf Kut decken wir die rechte Flanke de 3. Inf Div. Wo Gegner antritt, zerstören wir ihn. No better friend, no worse enemy.

In Sachen prägnanter Truppenführung nimmt es Jim Mattis mit einem anderen Grossen der amerikanischen Militärgeschichte auf. Mit ebenso knappen Befehlen drehte 1944 Generalleutnant George Patton seine 3. Armee innert 48 Stunden im Kampf um 90°, bevor er in Bastogne die 101. Luftlandedivision entsetzte.

Archaisches Monstrum

Das altertümliche Landefahrzeug der Marines. Kurz vor Bagdad, am Diyala-Fluss, bewährte es sich erneut.

Für die 1st Marine Division verläuft Phase 1 gut. Minutiös geplant, hoch motiviert, stürmt sie voran. Nach kurzer Zeit steht sie fast 200 Kilometer tief in Feindesland.

Mit mehr als 20’000 Mann bildet eine Marine Division eine gewaltige Streitmacht. Dies betrifft auch ihre Waffen, die Fahrzeuge und das Material. Mattis’ Verband setzt das beste Gerät ein, das das Marine Corps im Frühjahr 2003 anbieten kann. Es umfasst archaische, vielfach bewährte Typen, aber auch moderne Panzer und Mittel, von denen die irakische Führung nur träumen kann, wie das neue Navystar GPS zur genauen Standortbestimmung und Feuerführung.

Schon in der ersten Kampfphase nimmt es Mattis’ Feuerkraft mit dem sowjetisch-russischen Arsenal der Iraker auf – überall und jederzeit:

  • Der M1A1-Abrams-Kampfpanzer von General Dynamics mit dem M256-120-mm-Rohr und dem 7,62-mm-Maschinengewehr.
  • Das altertümliche Landefahrzeug LVTP-7/AAV-7A1 von United Defense, spartanisch eingerichtet, mit dem 406-PS-Dieselmotor von Cummings. Es kennzeichnet das Marine Corps wie keine andere Waffe. Tom Clancy schreibt: “Man muss eine Maschine konstruieren, die 25 Soldaten mit 13 km/h von einem Schiff zum Stand bringt und, sobald sie festen Boden erreicht hat, mit 65 km/h weiterkrabbelt. Das sieht weder besonders grazil noch hübsch aus.”
  • Das radgetriebene Light Armored Vehicle (LAV-25) mit seiner M242-25-mm-Kanone von Bushmaster und dem M240G-7,62-mm-Maschinengewehr. Der Radschützenpanzer stammt vom Piranha-2 des genialen MOWAG-Konstrukteurs Walter Ruf ab.

Light Armored Vehicle (LAV-25).

  • Zum festen Bestand gehört seit dem Kuwaitkrieg 1991 der “Hummer”. Der HMMWV ist sozusagen das Mädchen für alles. Die SAM-Avenger-Version führt acht Abschussrohre für die Fliegerabwehrrakete MIM-92 Stinger ins Gefecht. Auch von der Schulter feuern Marines ihre Stinger ab.
  • Von enormen Gewicht ist das Bestreben des Marine Corps, dem Anspruch gerecht zu werden, eine eigene Teilstreitkraft zu sein. Jeder Kampfverband, auch Mattis Division, verfügt über eigene Luftkampfmittel. Mattis plant den Einsatz seiner Flieger von Anfang an minutiös. Er weiss, was seine RCT am Erdkampf der Kampfpiloten haben (close air support); und er sorgt dafür, dass in seinen Frontverbänden jeder, auch jeder Soldat, funken kann. Jeder kann Karten lesen, den eigenen Standort und gegnerische Ziele bestimmen. Jeder kann den Funk bedienen, jeder Unterstützung im Erdkampf anfordern.

Das Handwerkszeug

Dem Wortschatz der Marines entstammt der Begriff Handwerkszeug für Waffen. Der Marine trägt zum persönlichen Gerät und zur Korpswaffe Sorge wie der Handwerker zu seinem Material. 2003 setzt Mattis’ Division ein:

  • Die M9/Model-92F-Pistole von Beretta und den M1911-MEU-Colt.
  • Das M16A2-Sturmgewehr und die Scharfschützengewehre M40A1 und Barrett-M82A1A.
  • Das Browning-LMG M240G vom Kaliber .50 und die Mk19-40-mm-Maschinenkanone.

Mk19-40-mm-Maschinenkanone.

  • Das Rückgrat der  Funkstationen bildet die redoutable V-Reihe V1–V8. Sie reicht vom tragbaren Manngerät AN/RPC-119 bis zum AN/VRC-92-Fahrzeuggerät mit doppelter Reichweite und dem Transceiver-Sender/Empfänger AN/ARC-201 für den Lufteinsatz.
  • So wie in der Fronttruppe jeder Marine Unterstützung aus der Luft anfordern kann, so kann jeder Artilleriefeuer auslösen.  2003 zieht Mattis’ Division mit der M198-Haubitze in den Krieg; das mächtige Geschütz kommt auf einer Anhängerlafette daher und reicht mit der Standardgranate 22 Kilometer weit, mit Spezialmunition 30.

Allahs Sandsturm

In der Phase 1 erleiden Mattis’ Marines wenig Verluste. Dann gebietet ein Sandsturm ihrem Vormarsch Einhalt. Die Division bleibt buchstäblich stehen. Doch Kader und Soldaten halten stand. Sie binden sich Tücher vors Gesicht und graben sich ein. Sie überwinden die doppelte Herausforderung – le double défi – von Feind und Natur: von Sand, Staub, Dreck, Hitze, verbunden mit der Bedrohung durchs Saddam Husseins Armee, die Chemiewaffen besitzt. Saddam deutet den Sturm als Zeichen Allahs.

Le double défi – In Deckung gegen irakischen Mörserbeschuss, mitten im Sandsturm.

Von seinen Offizieren und Unteroffizieren verlangt Mattis das Selbstverständliche, das ihm der britisches Feldmarschall Viscount Slim mit dem Gebot vorgegeben hat: “Sie werden nicht essen, nicht trinken, nicht schlafen, nicht sitzen, bevor Sie sich nicht persönlich davon überzeugt haben, das Ihre Männer das getan haben.”

Auch Mattis schläft im Sandsturm in einem engen Sandloch. Wie seine Soldaten rasiert er sich jeden Tag. In Basra hat ein Überläufer gewarnt: “Wenn Ihr Saddam in die Enge drängt, setzt er Giftgas ein.” Die Schutzmasken müssen sitzen, wenn der Feind zur Chemie-Waffen-Keule greift; Bärte lassen Gift durch.

RCT 5 und 7 top, RCT 1 flop

Eine zweite Friktion bietet der Knotenpunkt Nasiriyah am Euphrat. Auch der Nachschub der 3. Infanteriedivision führt an der Brückenstadt vorbei. Allein die 507th Maintenance Company kommt vom Weg ab und läuft in einen Hinterhalt. Der Vorfall erzeugt Chaos, Verwirrung – und die (erlogene) Heldengeschichte der Gefreiten Jessica Lynch; die unwahre Story kommt der amerikanischen Propaganda nach dem Sandsturm gelegen.

Mattis’ RCT 5 und 7 lassen Nasiriyah links liegen. Sie stossen schon in Richtung des zweiten Zwischenziels, zur Stadt Kut am Tigris. Sorgen bereitet Mattis das RCT 1.

  • Colonel Joe Dowdys namhaft verstärktes Regiment muss im Kampf um Nasiriyah die intakte Euphrat-Brücke passieren. Doch die Logistik der Nachbardivision blockiert den Übergang. Das RCT 1 bleibt südlich in einer drei Kilometer langen Kolonne stehen; zum Glück wacht am Himmel die eigene Luftwaffe.
  • Mattis entsendet Kelly zur Brücke. Kelly befiehlt Dowdy: “Vorwärts, ich helfe, wo ich kann. Aber es ist Ihr Regiment, Sie befehlen, Sie brechen durch.” Dann jedoch dauert es geschlagene 16 Stunden, bis sich das Regiment aufmacht. Kelly kehrt zu Mattis zurück: “Ich bezweifle, dass Dowdy noch Mut und Kampfgeist aufbringt.” Mattis horcht auf.

“Fighting Joe” Dunford

In der Phase 2, en route nach Kut, versetzt das alliierte Oberkommando der 1st Marine Division einen unnötigen Rückschlag. Über die Wände von General Tommy Franks’ HQ geistert das Fedayin-Gespenst. In Nasiriyah haben versprengte Iraker auf Amerikaner geschossen – Einzelfeuer, mehr nicht.

Marines im Häuserkampf. Mattis: “Behalte deine Ehre sauber!”

Die kriegserprobten Marines wissen Nachrichten von Gerüchten zu trennen. Mattis hört einen Zugführer befehlen: “Das sind keine Männer. Schiesst nicht auf den 2. Stock im Haus links. Die Feiglinge verstecken sich hinter Frauen und Kindern – wertloses Gesindel, die holen wir noch!”

Da befiehlt das Oberkommando: “Das Ganze Halt! Gefechtspause!”

Für das RCT 5 kommt der Haltebefehl im dümmsten Moment. Das Regiment hat das Flugfeld Hantush eingenommen. Erstens täuscht es dem Gegner den direkten Südangriff der Marines auf Bagdad vor, was weder Mattis’ Auftrag noch Absicht ist. Zweitens landen KC-130 mit 88’000 Gallonen Treibstoff, Munition, Wasser und RME-Mahlzeiten; Hunderte Verwundete werden ausgeflogen.

Unwillig ruft Mattis den Kommandanten des RCT 5 an, den Colonel Joseph “Fighting Joe” Dunford: “Joe, wir müssen anhalten. Aber auf dem Flugfeld kannst du nicht bleiben. Zieh dich, wenn’s dunkel wird, zurück und zweige nach Kut ab. Doch dann bleibst du stehen.”

Dunford versteht, contre coeur: “Ich drehe ab.” Später schreibt Mattis: “Ein Mann mit der Gabe, in der Synthese zu denken, ein Mann für jede Jahreszeit, ein Mann, der sich prägnant auszudrücken weiss.” “Fighting Joe” ist kein anderer als Joseph Dunford, der Generalstabschef der Jahre 2015–2019.

Durchbruch im Morgengrauen

Nach drei langen Tagen lässt das Oberkommando die Marines wieder marschieren. Dunford und Colonel Steven Hummer, der Kommandant RCT 7, kommen voran. Das RCT 5 rückt auf die Brücken von Kut vor.

Marines führen irakische Gefangene zum Sammelpunkt.

Noch vor dem Übergang greift eine T-72-Division der Republikanischen Garde Dunfords Regiment an. Zum Kampfwert der Garde debattieren die Gelehrten noch heute. Konsens besteht zu den Desertionen: Je länger ein Krieg dauert, desto mehr Gardisten legen Uniform und Waffen ab. Sie diffundieren. Das war schon 1991 so.

Dunford schlägt gegen Abend den ersten Angriff ab. Er erreicht Mattis am Funk: “Ich verhindere, dass der Kerl ein Abwehrdispositiv aufbaut. In der Nacht ziehe ich mein Tankbataillon vor. Bei Tagesanbruch brechen wir durch.” Mattis ist einverstanden. Und so geschieht es: Das RCT 5 reüssiert, wie auch das RCT 7.

Mattis enthebt Dowdy des Kommandos

Beim RCT 1 harzt es. Erneut führt Colonel Dowdy einen Befehl nicht aus. Mattis will Kut konzentrisch nehmen und erteilt Dowdy den Auftrag, den Gegner mit einer Scheinattacke zu täuschen. Aber er verharrt, wo er steht; nicht einmal ein paar leichte Schläge teilt er aus.

Colonel Joe Dowdy.

Da platzt Mattis der Kragen. Er lässt Dowdy im Helikopter holen. Im Kommandozelt fragt Mattis den erschöpften Kommandanten: “Zuerst das Versagen in Nasiriyah, jetzt Kut, warum dieses Zögern? Weshalb schlagen Sie nicht zu?” Der Befehlshaber erwartet ein Zeichen von Elan und Kampfgeist – und wird enttäuscht.

Dowdy befürchtet, das gnadenlose Tempo vorwärts überfordere und gefährde seine Soldaten. Er überspannt den Bogen. In seinen Memoiren hält Mattis fest, jeder Chef schulde seinen Untergebenen Schutz und Fürsorge. “Aber der Auftrag geht vor.” Der Kommandant, der zaudere, gefährde seine Truppe mehr als der, der entschlossen vorrücke.

Und eine Marine Division, schreibt Mattis, gewinne nur, wenn alle die Bürde trügen: Zum Stoss auf Bagdad braucht er die intakten RCT 1, 5 und 7. Im Zelt entzieht Mattis dem fassungslosen Dowdy das Kommando. Manchmal reiche es, einen müden Kommandanten in den Schlafsack zu befehlen. Aber dieser Fall sei aussichtslos.

Oberst Toolan, Mattis’ Chef Operationen, übernimmt Dowdys Regiment. Im Stab rückt Lieutenant Colonel Clarke Lethin nach. Lethin kennt die Materie. Unter seiner Federführung arbeitet Toolans eingespielte Crew reibungslos weiter: bis Bagdad und darüber hinaus.

30. März 2003: Lt. Gen. James Conway, Befehlshaber I Marine Expeditionary Force,  und Maj. Gen. James Mattis besprechen den Vorstoss nach Bagdad. Der amtliche Text zum Bild lobt die beiden Marines als “herausragende Heerführer”.

Noch 130 Kilometer bis Bagdad

Nach der Inbesitznahme von Kut trennen die 1st Marine Division noch 130 Kilometer von Bagdad. Die neue Achse führt dem Tigris entlang durch gefährliche Korridore. Mit Dowdys Ausscheiden zählt Mattis für Phase 3 auf einen Stellvertreter und drei RCT-Kommandanten, denen er voll und ganz vertraut:

  • Colonel Kelly hält ihm den Rücken frei. Er springt ein, wo es brennt.
  • Dem RCT 1 verleiht Colonel Toolan neuen Schwung und das Selbstvertrauen, das ihm vor Nasiriyah und Kut gefehlt hat.
  • Ach auf Colonel Dunford an der Spitze des RCT 5 ist Verlass.
  • Colonel Hummers RCT 7 übernimmt nach Kut die Spitze; Hummer, ein Marine von der Scheitel bis zur Sohle, kämpft der Division den Weg ins Ziel frei.

Nach dem Krieg steigen alle vier Obersten in die Generalsränge auf: Mattis  sorgt für die Männer, die für ihn durchs Feuer gehen.

John Kelly, Stellvertreter.

John Toolan, RCT 1.

Joe Dunford, RCT 5.

Steven Hummer, RCT 7.

Sagger, RPG-7, PKM-MG, Kalaschnikow

An den Engpässen lauern Iraker. Sie schlagen zu – mit ihren Sagger-Raketen, ihren RPG-7-Panzerfäusten, den PKM-Maschinengewehren oder den AK-47-Kalaschnikows. Hummers Spitzenregiment steht permanent im Kampf, doch auch RCT 5 und 1 sind vor Überfällen nicht gefeit. Dunford gerät selber in einen heftigen Schusswechsel; mit seinem kombattanten Stab entscheidet er das Gefecht für sich.

Die Hauptlast trägt Hummers vorderstes Bataillon, geführt von Lieutenant Colonel Sam Mundy. Zehn Stunden lang bahnt es der Division den Durchgang nach Nordwesten, Saddams Hauptstadt fest im Visier. Mattis ist sich der Regel bewusst, dass jede Truppe, und sei sie noch so stark, nach einem halben Tag ohne Gefechtspause nachlässt: “Dann schleichen sich taktische Fehler ein. Das kostet Leben.” Damit der Angriffsschwung ganz vorn nicht erlischt, löst Hummer auf Mattis’ Befehl Mundys Bataillon durch ein zweites Bataillon ab.

Am 6. April, am 18. Kriegstag, dringen die Marines in Vororte von Bagdad ein. Vor der Einkesselung der Hauptstadt gilt es noch den Diyala zu überwinden, den linken, östlichen Nebenfluss zum Tigris.

Hummer stösst auf eine halb zerstörte Brücke; in der Mitte klafft ein breiter Bombentrichter, das Werk der Luftwaffe. Am Ostkopf trifft Mattis Hunderte Marines, Ingenieure, Sappeure, alle begierig, Bagdad zu erobern. Die Brückenbauer kennen die Regel: “Improvisieren. Adaptieren. Problem lösen.” Sie karren lange, massive Holzplanken heran und schliessen die Lücke kurzerhand.

Nach kurzer Artilleriebarrage dringt das RCT 7 über den Holzsteg in die Sieben-Millionen-Metropole Bagdad ein. Toolans RCT 1 überquert den Diyala in seinen amphibischen Ungetümen. Die altertümlichen Landefahrzeuge LVTP-7/AAV-7A1, konzipiert für die Inbesitznahme von Stränden, bewähren sich 420 Kilometer im Landesinneren. Dunfords RCT 5 findet eine Furt und setzt unentdeckt über.

Bagdad, 6. April 2003.

Die Schlacht um Bagdad

Erneut trägt Mattis’ operatives Können der 1st Marine Division Erfolg ein. Er hat sich in die Denkweise des Gegners versetzt. In der Phase 2 ist das RCT 5 östlich des Euphrat nach Hantush 115 Kilometer südlich von Bagdad vorgestossen. Nach militärischer Logik signalisiert das den Marine-Angriff auf Bagdad exakt von Süden her. Der irakische Geheimdienst kriecht Mattis auf den Leim.

Dessen Absicht lautet anders: Mit “Buff” Blount, dem Befehlshaber der 3. Infanteriedivision, hat er die Bagdader Nordzange vereinbart. Blount wird die Kapitale von Nordwest her einschliessen, Mattis von Nordost. Von seinen RCT soll das 5. unter Colonel Toolan von Osten in die Stadt vorrücken und die RCT 1 und 7 nachziehen. Mattis teilt seinen Befehlsbereich auf dem Tigris-Ostufer in Sektoren auf. Jeder RCT-Kommandant weiss, wo er wann anzugreifen hat.

Das ist ein einfacher, pragmatischer Plan, verbunden mit Täuschung und der Beobachtung, dass der Widerstand allmählich abnimmt: Wie 1991 beginnt Saddams Streitmacht zumindest in Teilen zu zerfallen. Ungeachtet der Heckenschützen auf Dächern und in Fenstern geht Mattis’ Kräfteansatz auf. Toolan kommt voran. Seine Bataillone dringen durch die Vorstadt ein und nehmen den Tigris ins Visier. RCT 1 und 7 ziehen zügig mit.

Die Feindlage präsentiert sich kontrovers:

  • Einerseits spüren die Marines: Von koordiniertem, geführtem Widerstand kann nicht mehr die Rede sein. Mit ihrem wuchtigen Fairchild Republic A-10 Thunderbolt II, genannt Warzenschwein, zertrümmert die Luftwaffe alles, was es in Bagdad zu zerschlagen gilt. Namentlich schalten sie – mit der Artillerie – die feindliche Übermittlung aus.

A-10 Thunderbolt II, genannt “Warzenschwein”.

A-10 im Anflug auf Bagdad.

Treffer an einer A-10. Das “Warzenschwein” landet und wird repariert.

  • Anderseits operiert Mattis’ Division jetzt im sunnitischen Dreieck, wo Saddam Hussein seine Hausmacht hat(te). Aus Fenstern flammt Feuer auf. Wieder verletzt der Gegner das Kriegsvölkerrecht. Erneut verschanzt er sich hinter Frauen, Kindern, älteren Männern. Gardisten kämpfen in Zivil. Sie nutzen Moscheen als Stützpunkte, Minarette mutieren zu MG-Stellungen.

Zum humanitären Völkerrecht hat Generalmajor Mattis seinen Marines noch vor dem Feldzug eingeschärft: “Keep your honor clean!” Für jeden verständlich, und doch schwer zu übersetzen: Auch wenn dein Feind die Regeln verletzt, bleib sauber. Bewahre deine Ehre, kämpfe fair und korrekt. So halten es die Marines auch in Bagdad.

Rau ist der Ton am Funk. “Bastard” gehört für Gegner, die mit ihren Waffen hinter “menschlichen Schutzschildern” lauern, noch zum einigermassen gepflegten Vokabular. Aber Mattis weiss, wie hoch jeder Marine die Ehre des Corps hält. Mitten in Bagdad dankt er virtuell dem römischen Konsuln Lucius Cornelius Sulla; der siegreiche Feldherr prägte die Inschrift, welche die 1st Marine Division in den Kampf geleitet: “Kein besserer Freund, kein böserer Feind.”

Lucius Cornelius Sulla (um 138–78 v. Chr.)

Brian McCoy und Leon Lambert

Am 9. April 2003 ist die Schlacht um Bagdad entschieden. Im Norden vereint sich die 3. Infanteriedivision des Heeres mit der 1. Division des Marine Corps. Im Stadtinnern räumen die Amerikaner auf. Doch es herrscht Chaos. Iraker plündern Läden aller Art. Saddam ist abgetaucht. Seine brutale Diktatur geht unter.

Im Marine Corps rücken Lieutenant Colonel Brian McCoy und sein Spitzenbataillon in den Focus. McCoy führt das 3. Bataillon des RCT 7. Organisch gehört es zum 4. Regiment des Marine Corps; in der Operation “IRAQI FREEDOM” verstärkt es die 1. Division und dessen 7. Regiment. Sein Angriffsziel lautet: “Stösst zum Firdos-Platz vor. Achtet auf das Journalisten-Hotel Palestine; gestern tötete eine Army-Panzergranate auf Balkonen zwei Kameramänner.”

Brian McCoy, vor dem Sturm auf Bagdad.

Lieutenant Colonel McCoy, erfahrener Kommandant und Schlüsselgestalt beim Sturz des Saddam-Denkmals, wird nach dem Krieg ausgezeichnet und befördert.

Als McCoy zum Firdos-Platz durchbricht, empfangen ihn Hoteldirektoren und Kriegskorrespondenten. Das Hotel Palestine überragt den Platz – wie auch ein monumentales Saddam-Denkmal, das der Diktator an seinem 65. Geburtstag einweihen liess. Beidseits von Säulen umrahmt, steht Saddam überlebensgross, huldvoll winkend, auf einer protzigen, runden Steinsäule. Iraker in Zivil empfangen die Amerikaner jubelnd. Sie wollen mit einem Hanfseil den verhassten Saddam vom Sockel stürzen. Das Seil reisst.

Nun schlägt die Stunde des Master Sergeants Leon Lambert. Er befehligt den Entpannungspanzer 88A2 Hercules, vergleichbar mit dem Büffel in der Schweizer Armee. Iraker schreien: “Nieder mit Saddam! Holt ihn vom Sockel!” Lambert vergewissert sich bei McCoy, dass er das tun darf. McCoy gibt sein Placet.

Einmarsch in Bagdad.

M88A2 Hercules rollt nach Bagdad.

Hercules zieht Koloss vom Podest

In Aktion tritt Lamberts Crew. Von Kuwait bis Bagdad hat sie Panzer aus Gräben geschleppt. Auf dem Firdos-Platz steigt Corporal Edward Chin mit einem starken Stahlseil auf die Statue und schlingt es um Saddams Hals. Der 88A2 Hercules hebt seinen Ausleger und zieht den Koloss vom Podest. Unter dem Jubel der Iraker schlägt der Diktator auf dem Pflaster den Kopf ab. Im Triumph schleifen Einheimische Saddams stählernes Haupt über den Platz.

Saddam stürzt. Hinten die Märtyer-Moschee.

Das Bild eilt um die Welt: Saddam hängt diagonal über dem Platz, im Hintergrund die Shahid-, die Märtyer-Moschee mit Minarett. Der stürzene Diktator wird zum Symbol für Saddams Scheitern – wie zum Untergang des Dritten Reiches der russische Soldaten, der am 2. Mai 1945 über dem Berliner Reichstag die Rote Fahne hisst.

Aber die Weltpresse sucht das Haar in der Suppe. All die Redaktoren und Lehnstuhlstrategen, die Präsident Bushs Feldzug von Anfang an verdammten, ertragen den militärischen Sieg der Alliierten USA, Grossbritannien, Polen und Australien nicht. Sie behaupten, die amerikanische Propaganda habe den Denkmalsturz inszeniert.

Beleg zur Phase 1: Iraker wollen den stählernen Saddam stürzen – mit einem Hanfseil.

Jim Mattis widmet dem Ereignis in seinen Erinnerungen einen einzigen Satz: “Auf dem Firdos-Platz rissen meine Marines auf Verlangen jubelnder Iraker eine hohe Saddam-Statue nieder.” Vom vergeblichen Anlauf der Iraker und dem Nachsetzen der Marines existieren Video- und Fernsehfilme. Sie bestätigen Mattis’ Darstellung: Zuerst versuchen es die Männer von Bagdad. Dann tritt eine Pause ein. Erst im zweiten Akt greifen die Marines zu – auf Bitte der Bevölkerung.

BrianMcCoy erhält nach dem Krieg eine hohe Auszeichnung.

Brian McCoys Bataillon. Third Battalion. Fourth Marines. Thundering!

Der Raid in den Norden

Vor der Grossen Moschee leistet das letzte Aufgebot der Republikanischen Garde den Marines verzweifelt Widerstand. Noch einmal beklagen diese den Verlust von 81 Kameraden.

Dann erlischt die Gegenwehr. In 21 Tagen hat Mattis’ Division im Kampf gegen einen tückischen Feind mit allen Finten 640 Kilometer zurückgelegt. Sie hat Bagdad östlich vom Tigris besetzt und im Norden die Zange geschlossen – unter militärischem Aspekt eine operative Glanzleistung.

Als das 3. Bataillon des RCT 7 Saddam vom Sockel holt, versteckt sich der Diktator schon. Der Geheimdienst meldet: “Zielperson sucht Unterschlupf in der Heimatregion Tikrit.” Saddams Geburtsstadt liegt 150 Kilometer nordnordostwärts Bagdad. “Wann sind Ihre Marines dort?”, fragt das Oberkommando Mattis an. “Morgen”, antwortet der. Innert 24 Stunden erfüllt John Kelly mit 3’500 Mann den Auftrag.

Doch Mattis’ Stellvertreter rollt weiter. Erst an der Grenze zum kurdischen Nordirak macht sein Detachement Halt, 240 Kilometer von Bagad entfernt – “näher am Mittelmeer als am Persischen Golf”, wie Mattis, so sattelfest in orientalischer Geographie wie in antiker Geschichte, nüchtern konstatiert.

2004 kehrt Mattis’ Division nach Irak zurück. Von links: Thomas Metz, Joint Task Force-7; Mattis; Charles Swannack, Kommandant 82. Luftlandedivision, der in Ramadi den Befehl über das schwierige “sunnitische Dreieck” an die Marines übergibt.

Im Herbst 2003 kehrt die 1st Marine Division nach Kalifornien zurück. In Camp Pendleton rekuperiert es. Doch im November 2003 erhät Mattis den Befehl: “Bereiten Sie Ihre Truppe für den zweiten Irak-Einsatz vor. Sie lösen die 82. Luftlandebrigade ab.” Schon im Februar 2004 übernimmt Mattis die Verantwortung für die schwierige Provinz Anbar zwischen Fallujah und der jordanischen Grenze.

Mattis löst Generalmajor Charles Swannak ab, den Kommandanten der Fallschirmjäger. Er übernimmt ein belastetes Erbe und setzt seine eigene Philosophie durch: “Wir vertrauen der einheimischen Bevölkerung, wo sie das verdient. Wir gehen mit Härte gegen Aufständische vor. Mit Präsenz und Geduld helfen wir mit, eine irakische Verwaltung aufzubauen.” Mattis hat Erfolg, allmählich kommt die Provinz zur Ruhe.

Den Kriegsverbrecher Saddam haben Amerikaner am 13. Dezember 2003 in einem Erdloch bei Tikrit gefunden. Am 30. Dezember 2006 hängt ihn der Henker von Bagdad.

In Washington wieder vereint

Einmalige Konstellation im Weissen Haus: Stabschef Kelly, Verteidigungsminister Mattis, Generalstabschef Dunford – drei Marines, die in Afghanistan und Irak miteinander Krieg führten.

Von 2017–2019 dienen die drei Marines Jim Mattis, John Kelly und Joe Dunford ihrem Land noch einmal miteinander. 2016 bittet der designierte Präsident Trump Mattis, sein Verteidigungsminister zu werden. Mattis hält mit Kelly, dem Stabschef im Weissen Haus, und Dunford, dem obersten Soldaten der Streitkräfte, durch dick und dünn zusammen – wie sie in Afghanistan und Irak ihre Feuerproben gemeinsam bestanden.

Ihr Chef ist ein Mann, der die Werte des Marine Corps nicht kennt. Bescheidenheit und selbstloser Dienst sind seine Sache nicht. Er ist der Marines nicht würdig. Als ihm Kelly widerspricht, feuert er ihn. Mattis geht, nachdem Trump in Nordsyrien die Kurden verraten hat; sie hatten den Islamischen Staat besiegt hatten und beklagten den Tod von 11’000 Kämpfer. Sie bezahlten den Blutzoll, nicht die Westalliierten. Der Marine Mattis erträgt Trumps Verrat nicht.

Zu nobel, um Dreck zu werfen

Als der Verlag Random House Mattis’ Memoiren ankündigt, rechnet die Presse mit einer Frontalattacke auf den Präsidenten. Sie täuscht sich. General Mattis ist zu nobel, um Dreck zu werfen. Ein Marine tut das nicht. Nur einmal meldet er sich zu Wort. Als Trump die Nationalgarde grob missbraucht und sie für den Marsch zur St. John’s Church die Strasse räumen lässt, merkt er an: “Es ist unerträglich, dass ein Präsident der Vereinigten Staaten die Verfassung bricht.”

Begegnung in Washington: Joe Dunford, Jim Mattis.