BISS – Israel führt Enthauptungsschlag

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Iron-Dome-Batterie bei Tel Aviv.

 

Es folgt die Lagenachführung zum bewaffneten Konflikt zwischen Israel und der Hamas auf dem Stand von Mittwoch, 12. Mai 2021, 21.40 Uhr.

  • Bis zu diesem Zeitpunkt feuerte die Hamas gut 1’200 Raketen auf Israel ab, die Ziele in israelischen Ortschaften erreicht hätten. Raketen, die irgendwo in der Wüste landeten, sind in dieser Statistik nicht enthalten.
  • Die israelische Iron-Dome-Flab holte rund 1’100 Geschosse vom Himmel. Brigadier Haimowitsch, Fliegerabwehr-Kommandant, spricht von einer Trefferquote von gut 90%. Die verbleibenden knapp 10%, die durchkommen, Orte treffen und Menschen töten und verletzen, müssten noch minimiert werden.
  • Die Hamas hat gelernt. Sie setzt ihre Raketen in dichten Salven ein und versucht, die Iron-Dome-Abwehr zu “sättigen”.
  • Dem Gazastreifen entlang führen Zäune, ein breiter Sandstreifen (zur Entdeckung von Fussabdrücken) und eine schmale Asphaltstrasse. Auf dieser patrouillieren meist in Jeeps israelische Bodentruppen. Am Mittwoch wurde in einem Jeep ein Soldat von einer Hamas-Panzerabwehrrakete tödlich getroffen.

Israels Operation “MAUERWÄCHTER”

  • Israel führt den Gegenschlag primär aus der Luft. Nach Armeeangaben wurden bisher knapp 100 Kampfjets und eine Anzahl Apache-Kampfhelikopter eingesetzt. Mit den knapp 100 Flugzeugen sind acht Staffeln zu zwölf Maschinen gemeint.
  • Zum Einsatz gelangen vornehmlich Jagdbomber vom Typ F-16I, sei es vom Negev oder aus dem Raum Tel Aviv oder aus dem Norden, vom grossen Stützpunkt Ramat David südöstlich von Haifa, aus. Ob auch die neuen F-35I Adir eingesetzt werden, ist noch nicht bekannt. Auch sie können den Erdkampf (close air support).
  • Wie der Verteidigungsminister Benny Gantz, der Generalstabschef des letzten Gazakriegs 2014, mitteilte, operiert Israels Armee so lange, bis sie die strategische Überlegenheit über die Hamas zurückgewonnen hat. Die Operation von 2021 trägt den Code “MAUERWÄCHTER”.
  • Premier Benjamin Netanyahu versuchte am Mittwoch, die Bevölkerung auf mindestens eine Woche Kampf einzustimmen. Ihm steht politisch und rechtlich das Wasser am Hals. Sollte der Hamas-Beschuss andauern, wird ein terrestrisches Eingreifen nicht mehr ganz ausgeschossen. Nach 2008/09, 2012 und 2014 wäre das der vierte Gazakrieg.

Iron-Dome-Abschuss an der Mittelmeerküste.

Operativ drei Ziele

Wie in den drei ersten Kriegen verfolgt Israel operativ drei Ziele:

  • Die Luftwaffe führt gegen die Hamas wieder einen eigentlichen Enthauptungsschlag. Sie meldet bereits die Tötung mehrerer Hamasführer. So soll sie den Militärkommandanten von Gaza-Stadt getötet haben.
  • Die F-16 und AH-64 zerstören am laufenden Band gegnerische Raketenstützpunkte, Hauptquartiere, Waffenfabriken und -lager. Wie am Mittwoch die Bilder erneut belegen, feuert die Hamas ihre Raketen weiterhin aus Gaza-Stadt, selbst aus dem Zentrum, auf Ziele in Israel ab. Die Dichte der Raketenbasen ist ein Grund dafür, dass Netanyahu und Gantz mit mehreren weiteren Kampftagen rechnen.
  • Wie in jeder bewaffneten Konfrontation zerstört Israel mit Penetrationsbomben auch die Tunnels, so weit diese bekannt sind, durch die Iran die Waffen nachschiebt, mit denen die Hamas Orte wie Tel Aviv, Ashdod, Ashkalon, Sderot und Beersheva angreift.

Niemand ist Prophet im Orient. Vorsicht ist geboten! Der Konflikt kann sich in jede Richtung entwickeln – Eskalation oder “Beruhigung”. Obwohl Israel nach der vierten unentschiedenen Knesset-Wahl in einem politischen Vakuum verharrt, schliessen sich die Reihen wie immer, wenn die Waffen sprechen. Die politische und militärische Führung ist entschlossen, nicht nachzugeben, solange die Hamas Raketen auf die zivile Bevölkerung richtet.

Luftwaffe trifft Ziele in Gaza-Stadt.

Generalstabschef Aviv Kochavi, nach allen Bekundungen ein hervorragender Offizier, liess am Mittwoch an der Kampfbereitschaft der Armee nicht den geringsten Zweifel offen. Er mobilisierte mehrere 1’000 Mann, auch Panzersoldaten und Panzergrenadiere und Top-Infanterieverbände. Er hält die Option eines terrestrischen Angriffs auf Gaza intakt.

Beunruhigend: Ausschreitungen im Innern

  • 1950 verlieh Israel der arabischen Bevölkerung, die im Krieg von 1948/49 nicht geflohen war, das volle Bürgerrecht.
  • Bisher verharrten die arabischen Israeli in ihren Hochburgen in Galiläa und in der Flughafenregion Lod/Ramle in Kriegen und bewaffneten Konflikten stets Gewehr bei Fuss. Auch an der ersten und der zweiten Intifada, den Aufständen in den besetzten Gebieten, machten sie nicht mit.
  • Jetzt aber meldet und zeigt das israelische Fernsehen bestürzende Bilder aus Galiläa, den genannten Orten beim Ben-Gurion-Airport und der gemischten Stadt Jaffa, die im Süden direkt mit Tel Aviv zusammengewachsen ist.
  • Die Sequenzen, meist live übertragen, zeugen von Strassenschlachten, arabischem Aufbegehren, israelischen Gegenmärschen und schwerem Polizei-Einsatz. Auch damit erreicht der Konflikt eine neue Dimension. Brigadier Haimowitsch und Oberst Miri Regev, die frühere Armeesprecherin, bezeichnen das Aufflammen von Unruhen im Kernland als noch gefährlicher als der Kampf gegen Hamas.

Respektiert Hamas die rote Jerusalem-Linie?

  • Mindestens am Mittwoch respektierten die Araber die rote Linie, die Netanyahu, Gantz und Kochavi zum Schutz von Jerusalem gezogen hatten. Sie feuerten keine Raketen auf die Hauptstadt ab.
  • Eine Grauzone ist das israelische Siedlungsgebiet von Bet Shemesh im Westen von Jerusalem. Hamas-Raketen erreichen Ziele in der Ortschaft neuerdings recht genau. Allerdings hat die israelische Führung dem Gegner klar gemacht: Auch mit der Bombardierung von Bet Shemesh ist die rote Linie überschritten.
  • Gespräche mit israelischen Quellen ergeben: Wie erwartet und traditionsgemäss stehen die Israeli hinter dem harten Vorgehen der Armee. Bis Mittwochabend wurden in der israelischen Bevölkerung sieben Menschen getötet und an die 100 teils schwer verletzt.

Nächtlicher Raketenabschuss mitten aus der Stadt Gaza.

  • Hamas meldet aus Gaza deutlich mehr zivile Opfer. Wer den Nahen Osten einigermassen kennt, der weiss: Den Horrorzahlen der Terroristen ist nie ganz zu trauen. Bisher haben sie noch jeden Propagandakrieg für sich entschieden. Der Kampf der Bilder ist schon wieder in vollem Gang.
  • Militärisch wird bestätigt, was viele befürchtet hatten. Seit der letzten gründlichen Zerstörung der Hamas im Krieg vom Sommer 2014 sind fast sieben Jahre vergangen. So wie Iran der Hisbollah seit dem Zweiten Libanonkrieg 2006 über 100’000 Raketen lieferte, so alimentierte das Ayatollah-Regime die Hamas seit 2014 mit einem gigantischen Raketenarsenal.