BISS – Inside NATO, eine persönliche Erfahrung

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Zur NATO bin ich befangen; aber ich habe nach einem längeren NATO-Dienst ein ungebrochenes, gutes Verhältnis zum Bündnis. Dennoch bin ich skeptisch, wenn die Parteipräsidenten Burkart (FDP) und Pfister (Mitte, vormals CVP) jetzt eine markante Annäherung an den Nordatlantikpakt fordern. Auch Bundesrätin Amherds Schalmeienklänge vom WEF in Davos lassen mich stutzen.

Meine NATO-Erfahrung geht auf den Besuch zweier hohen Offiziere aus dem Kommando Nord  (Brunssum) zurück. Bei einem Abendessen in Bassersdorf baten sie unter sechs Augen um personelle Unterstützung im Bereich der Info Op, der Informationskriegführung. Wegen der Kriege in Afghanistan und Irak seien sie “ausgeschossen”, das Schweizer Info Rgt 1 könnte helfen. Es gehe um den Einsatz “ALLIED ACTION 03”. Grundlage sei die “Partnerschaft für den Frieden”, welche die Schweiz 1996 eingegangen war .

So wurde in Bern der Einsatz von 15 Offizieren des Regimentes beschlossen, die dann in der Türkei das Rückgrat der Info Op Component bildeten. Nach eherner NATO-Regel besetzt die Nation, die das Rückgrat stellt, die Position des Kommandanten, was mir als Kdt Info Rgt 1 einen einzigartigen Einblick ins Getriebe der NATO verschaffte.

Unter dänischem Kommando

Der Kommandant war ein zupackender dänischer Drei-Sterne-General, der Stabschef ein brillanter deutscher Konteradmiral. Die vier grossen Components wurden von Offizieren mit zwei Sternen geführt: einem Türken (Land), einem wuchtigen Holländer (Luft), einem noblen Spanier (See) und einem Deutschen (Logistik). Zwei Obersten führten die kleinen Components, neben mir ein Holländer die Spezialkräfte, von dem ich in einem Monat über Sondereinsätze so viel lernte wie vorher in vier Jahren Israel.

Eindrücklich waren:

  • Das TOC, das Tactical Operations Center, ein lang gestrecktes Zelt, in dem Dutzende Offiziere den Kampf der verbundenen Waffen (Joint) sicherstellten. Diese “Maschine” funktionierte hervorragend: britisch geprägt, eingespielt, straff geführt. Daran denke ich jetzt, wenn wir hören, die Russen hätten die Schlacht um Kiew nicht zuletzt deshalb verloren, weil ihre Teilstreitkräfte nicht harmonierten.
  • Die zweite grosse militärische Erfahrung war der vernünftige Führungsrhythmus der NATO. Vom “Heldentum” Schweizer Kader, die sich nach einer Manöverwoche rühmen, keine Stunde geschlafen zu haben, halten alle im Bündnis nichts. Ihre Rapportsequenz ist auf die ITC, die International Televised Conference, jeden Tag um 15 Uhr, ausgerichtet. An der ITC nehmen die acht oben genannten Offiziere teil; wer entfernt im Einsatz steht, wird zum Beispiel auch vom Meer zugeschaltet.
  • Der Rhythmus ist auf die Erhaltung der Kräfte in Monate oder Jahre langen Einsätze ausgerichtet und beruht auf der grossen Tagesequipe von 7 bis 19 Uhr und der kleineren “Nachtschicht” von 19 bis 7 Uhr, mit gründlichen Chargenübergaben. Von “schlaflosen Helden” keine Rede. Nachdem ich vor der ersten Nacht nach Schweizer Schema zwei Equipen A und B gebildet hatte, kam ich am zweiten Tag der NATO auf die Spur. Fortan arbeitete das Gros in der “Tagesschicht”, eine vorzügliche norwegische Nachrichtenequipe hielt Nachtwache.

Der spanische Admiral Armada

  • Drittens profitierten alle vom einheitlichen NATO-Englisch. An unseren Rapporten nahmen kein Brite, kein Amerikaner, kein Kanadier teil, aber Englisch bildete die Grundlage der Entschusffasung und Befehlsgebung. Als ich bei einem Nachtessen in grösserem Kreis den französischen Tischnachbarn französisch ansprach, mahnte er: “Please talk english, our french could be considered impolite“, reden Sie englisch, französisch könnte als unhöflich aufgefasst werden.
  • Jedenfalls hatte es sich gelohnt, dass wir an der MILAK, damals noch in Au am Zürichsee, den wöchigen Kurs in NATO-Englisch besucht hatten. Unser tüchtiger Lehrer vermittelte uns nicht nur die NATO-Terminologie und all die verwirrlichen Abkürzungen, sondern auch Strukturen und Gebräuche.
  • Viertens imponierte der offene Umgang unter den Kernstaaten. Als solche kristallisierten sich rasch Briten, Skandinavier, Deutsche, Franzosen, Kanadier und Amerikaner heraus. Auch Polen, Tschechen und Balten hielten mit. Reservierter waren mediterrane Generale und Admirale, wobei der überaus gastfreundliche türkische Bodentruppen-Befehlshaber eine Ausnahme machte. Der spanische Admiral Armada redete nur über einen Adjutanten, einen Kapitän zur See, mit mir. Als dieser fragte, woher ich komme, antwortete ich: “Aus einem mehrsprachigen Land”. Fortan hielt mich der Admiral für einen Belgier; macht nichts.

Zuerst der spontane Eindruck, dann die “Manöverkritik”

So weit meine militärische Erfahrung. Zur Operation hatten wir uns zur Geheimhaltung verpflichtet. Doch so viel darf nach fast zwei Jahrzehnten gewiss gesagt werden: Sie verlief erfolgreich. Nach dem Einsatz reiste das Gros zufrieden und beeindruckt in die Schweiz zurück. Der Schweizer Delegationschef, Divisionär Bölsterli, und der Schreibende erlebten dann noch die spezielle NATO-Auswertung:

  • Im Hot Wash Up berichtete jeder spontan, wie er die Operation erlebt hatte. Adjutanten hielten jede Nuance genau fest.
  • Die AAR, die After Action Review, entsprach dann eher unserer Manöverkritik. Strukturiert wurden Lehren gezogen, die NATO müsse sich permanent steigern, postulierte der britische General, der damals das Kommando Nord befehligte.

Unvergesslich bleibt der trockene Humor der Briten. Das türkische Essen bestand weitgehend aus Poulets. Das veranlasste den General zur Bemerkung, 6’830 Hühnchen hätten ihr Leben lassen müssen. Die stolzen türkischen Gastgeber waren not amused.

Ernsthaft: Zu meiner Einschätzung des derzeitigen NATO-Hypes unter Schweizer Politikern nehme ich im nächsten Beitrag offen Stellung.