BISS – Im F-35-Cockpit: Luftkampf, Erdkampf …

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Major Monessa “Siren” Balzhiser vor dem F-35.

Major Monessa “Siren” Balzhiser flog in der amerikanischen Luftwaffe 13 Jahre lang Kampfjets, meist den Lockheed Martin F-16 Fighting Falcon. Seit vier Jahren dient sie bei Lockheed als Werkpilotin – und führt Laien im Cockpit des F-35-Simulators in die Geheimnisse und Vorzüge des weltweit besten Kampfflugzeuges ein, des modernsten Typs der fünften Generation.

“Air to Air”

In Bern fragt Siren, welche Mission der Schüler fliegen will. “Air to Air” – Kampfjet gegen Kampfjet. Der Einstieg ins Cockpit fällt leicht, der Sitz sitzt, “anthropotechnisch gut”, wie Fachleute sagen. “Mit der linken Hand regelst du den Schub, die Geschwindigkeit”, lautet die erste Anweisung, “nach vorne drücken am Start, hier siehst Du den Speed, bei 150 Knoten ganz durchdrücken, leicht nach hinten ziehen, dann hebst du ab.” Gesagt, getan.

Und nun die rechte Hand: “Da, dieser rote Knopf für den Daumen, mit dem schiessest du, aber erst, wenn du den IP, den Initial Point auf dem Display, erreicht hast. Mit dem Steuerhebel regelst du Höhe und Seite, mit den anderen Fingern führst du das Flugzeug.”

Mitten auf dem denkbar einfachen, einprägsamen Cockpit-Display leuchtet grün die Munition auf: zwei AMRAAM-Raketen, zwei Small-Diameter-Bomben von 125 Kilogramm. Wir steigen. Das Helm-Display öffnet den Blick auf das Gefechtsfeld und den Himmel. Jetzt gilt es, Gegner zu entdecken, früh zu fixieren und dann im richtigen Augenblick abzuschiessen. Ins Gefecht gelangen die beiden überragenden Vorteile des F-35:

  • seine Stealth-Vorzüge, seine Tarnkappen-Eigenschaften, die ihn dank Kontur, geringer Hitze-Abstrahlung und raffinierter Oberfläche mit minimer Radar-Erkennbarkeit fast unsichtbar machen > der F-35-Pilot erkennt und bekämpft den Gegner, lange bevor dieser ihn sieht;
  • seine Sensor Fusion, die Suite der fünf modernen Sensoren, die derart perfekt integriert sind, dass der Flieger permanent – auch mit anderen F-35 im Einsatzverbund – das aktuelle Lagebild erhält, ohne dass er es wie in Typen der vierten Generation mühsam zusammensetzen muss > er kann sich ganz auf die Mission konzentrieren: auf die Bekämpfung des Gegners.

Fünf beste Sensoren

Fünf  topmoderne Sensoren dienen als Augen und Ohren. In ihrem einzigartigen Verbund und im Echtzeit-Austausch mit anderen F-35 ergeben sie die Sensor Fusion, die mit Stealth zusammen wesentlich dazu beiträgt, dass der F-35 auch in Europa eine Evaluation nach der anderen gewinnt:

  • Das AN/APG-81 ASEA-Radar verfügt über mehr als 1’000 Sende-und Empfangsmodule und bietet aktive und passive Luft-Boden und Luft-Luft-Modi. Es ist für den Stealth-Jet optimiert und erfüllt auch Aufträge in der Elektronischen Kriegsführung (EKF), in der Aufklärung und Überwachung.
  • Das AAQ-37 Electro Optical Distributed Aperture Systems (DAS) umfasst sechs Infrarotkameras am Flugzeug > sie sorgen für die Rundumsicht von 360°, von welcher der F-35-Pilot enorm profitiert.

Gut erkennbar unter der Nase: das AAQ-40 Electro Optical Targeting System (EOTS).

  • Das AAQ-40 Electro Optical Targeting System (EOTS) ist unter Nase des F-35 unter Saphirglas gut sichtbar. Es handelt sich um einen elektro-optischen Sensor, der beides kann: Das System verbindet ein IRST (Infrared Search and Track), ein Infrarotzielsystem, mit einem FLIR (Forward Looking Infrared), mit einer Wärmebildkamera.
  • Das AN/ASQ-239 Electronic Warfare System Barracuda erfasst, bestimmt und lokalisiert mit feinen Empfängern Radaremissionen. Zudem bietet es Radar- und IR-Täuschkörper. Diese Flares werden zum Eigenschutz ausgestossen.
  • Die ASQ Communication, Navigation and Identification (CNI) deckt Kommunikation, Navigation und Identifikation ab, so die Sprachübermittlung, den klassischen Funk auf mehreren Kanälen, die Freund-Feind-Erkennung und die INS-, GPS- und -ILS-Navigation.

Wenn der Punkt errötet

Von diesen Sensoren und ihrem grandiosen Verbund profitiere ich in den nun anhebenden Begegnung mit dem Feind. Auf dem Display leuchtet plötzlich ein grüner Punkt auf. “Links, da, siehst du?”, mahnt Siren. “Gegner?” “Das wissen wir erst, wenn der Punkt rot wird.” Und siehe da – der Dot errötet. Er zeigt ein doppeltes Leitwerk, beide Teile fast waagrecht, könnte ein russisches Modell sein. Wir warten, angespannt, wachsam. Dann meldet die Feind-Erkennung: “MiG-29 Fulcrum zu 99%.”

Nun heisst es: “Target on!”, “fixiere den Gegner, deine Waffen müssen wissen, wohin es geht.” Jetzt gilt es, den Gegner genau ins Fadenkreuz zu nehmen und ihn so für die eigenen Raketen “festzunageln”. Zu den Waffen auf dem grünen Display ist der Fall klar: Wir bekämpfen den MiG-29 mit einer AMRAAM. Der Gegner fliegt auf uns zu; doch nun heisst es die Nerven zu behalten. Siren beruhigt: “Wir sehen ihn, aber er sieht uns nicht.”

Der grüne Strahl auf dem Display weist uns die Richtung. Mit dem Steuerhebel wird die Maschine auf dem Strahl gehalten. “Wir kommen dem Punkt näher”, begleitet Siren die Aktion, “noch 20 Sekunden, noch 10, noch 5 … jetzt.” Ich drücke auf den roten Knopf, den Rest erledigt die geniale Technik des F-35. “Rechts hoch!” befiehlt Siren. Die Rakete ist weg, wir steigen steil hinauf und drehen rechts ab.

Nun folgt der einzige Moment, der mich an meine artilleristische Herkunft erinnert: “Schau hier, die Flugzeit”. In der Tat, das klingt wie “Schuss ab, Flugzeit 35”. Auf dem Display erscheint das Ziel, die AMRAAM fliegt rasant auf den MiG-29 zu. Und da geschieht es: Sie trifft, der Gegner explodiert, die interne Kommunikation überträgt den Treffer in realer Zeit an andere F-35 und an die Bodenstation – die sie wiederum an alle weiterleitet, denen das dient.

Siren im richtigen F-35-Cockpit.

Close Air Support

Die zweite Mission gilt dem Erdkampf. Wieder steigen wir auf. Der grüne Strahl weist die Richtung zum Gefechtsfeld, das sich auf dem Helm-Display mit Bergen, Ebenen, Flüssen und Seen ausbreitet, so weit die erstklassigen Sensoren reichen.

Wieder lautet der erste Auftrag: “Entdecke den Gegner”. Erneut helfen der Sensorenverbund und der Echtzeit-Datenaustausch mit anderen F-35. Fast gerade vor uns leuchten zwei grüne Punkte, die rasch rot werden: zwei Kampfhelikopter Mi-35 Hind, beide am Boden, beide Besatzungen wohl ahnungslos, was da kommt. Diesmal haben wir vier Bomben im Waffenschacht: zwei schwere JDAM-GBU-31 zu je 900 Kilogramm und die leichteren Small-Diameter-Bomben.

Wir entscheiden uns für die Diameter und leiten die Bekämpfung ein. Das erste Ziel fixieren, dem Strahl folgen und geduldig auf den IP zufliegen, zum Initial Point, ab dem die smarte Bombe trifft.  Der IP, das Quadrat auf dem Strahl, ist erreicht > Bombe ab! Auch im Erdkampf gilt: “Shoot, fire and forget”, schiesse, steige auf und drehe ab. Wieder Flugzeit, diesmal etwas länger, wieder gespanntes Warten, bis die Bombe einschlägt – und wir, die anderen F-35-Piloten, die Spezialkräfte auf dem Gefechtsfeld und die Bodenstation wissen: der erste Mi-35 ist zerstört.

Dasselbe Schicksal blüht dem zweiten.

Balzhiser > Boltshausen

Kurze Manöverkritik, Dank an Siren und die Operatrice Victoria, die unsere Lehrstunde begleitete und ermöglichte. Abschied mit dem Blick auf Sirens zivilen Namen – Balzhiser, “Boltshouser”, wie sie ihn ausspricht. Mon Dieu! Das ist Boltshausen, das Dörfchen unterhalb unserer Heimatgemeinde Ottoberg am Fuss des Ottenbergs – der gestrengen, kriegserprobten Instruktorin Siren entlockt dies ein feines Lächeln.