BISS: “Hier stehe ich, ich kann nicht anders”

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  • Am 18. April 2021 jährt sich zum 500. Mal Martin Luthers denkwürdiger Auftritt vor dem Reichstag zu Worms. Der junge Habsburger-Kaiser Karl V. wollte den Reformator dazu zwingen, alle seine Schriften zu widerrufen. Andernfalls drohte er ihm – nach dem vom Papst ausgesprochenen Kirchenbann – auch die Reichsacht an.
  • Luther widersprach am 18. April 1521 dem Kaiser: “Hier stehe ich, ich kann nicht anders: Ich kann und will nicht widerrufen.”
  • Am 8. Mai 1521 ächtete Karl V. den Reformator. Nun war Luther vogelfrei – doch gleichzeitig schon in Sicherheit. Friedrich der Weise, der Kurfürst von Sachsen, liess ihn auf der Heimreise in der Nähe von Eisenach “entführen”. Am 4. Mai “überfielen” seine Ritter den Reformator und brachten ihn als “Junker Jörg” auf der Wartburg.

Links rot gewandet Kaiser Karl V., Mitte mit Tonsur Martin Luther. Bild Anton von Werner.

Nein zu “Schweigen gegen Leben”

Nein, einen Widerruf zog Martin Luther nicht in Betracht. Vor und auf dem Reichstag dachte der Augustinermönch nicht an ein Nachgeben; auch den Kompromiss, den ihm der Kaiser anbot – “Schweigen gegen Leben” –, lehnte er ab.

Luthers “Aufgebot” nach Worms.

Nach Worms hatte ihn Karl V. auf Begehren von Kurfürst Friedrich III. aufgeboten. Der Sachse wollte Luther noch einmal ein Podium bieten; vor dem Kaiser und den versammelten Reichsfürsten sollte er seine Thesen noch einmal verteidigen. Luther traf bleich, angegriffen, halb krank in Worms ein. Die beschwerliche, zweiwöchige Reise von Wittenberg an den Rhein hatte ihm Kraft geraubt. In den beiden Nächten vor dem 18. April schlief er kaum.

Am alles entscheidenden Tag hatte der Kaiser den Mönch am Nachmittag auf vier Uhr cbestellt. Luther betrat den Sitzungssaal aufrecht und mit festem Blick. Er trug die Mönchskutte und die Tonsur, die er sich früh hatte scheren lassen. Entschlossen bahnte er sich den Weg durch die dicht gedrängten Würdenträger. Doch es dauerte geschlagene zwei Stunden, bis sich der Kaiser in den Saal tragen liess.

Offene und versteckte Fürsprecher

Unter den prunkvoll gewandeten Adligen und Reichsrittern harrten Luthers versteckte und offene Fürsprecher der Konfrontation. Die mittelalterliche Allmacht von Kirche und Krone war ins Wanken geraten, als Luther in Wittenberg seine 95 Thesen anschlug. Dank Johannes Gutenbergs Buchdruck eilte die reformatorische Attacke wie ein Lauffeuer durch die Lande.

Luther 1520 mit Tonsur.

Vielen Fürsten war der Ablasshandel zuwider, den der Dominikaner Tetzel in ihren Landen betrieb. Sie konnten Tetzels Spruch nicht mehr hören: “Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.”

Luthers weltliche Freunde trauten dem Kaiser nicht. Er hatte dem aufbegehrenden Mönch freies Geleit versprochen. Aber was war ein herrschaftliches Versprechen noch wert – nach dem Wortbruch von Konstanz im Jahr 1415. Zum dortigen Konzil hatte der deutsch-römische König Sigismund dem  tschechischen Vorreformator Jan Hus sicheres Geleit versprochen. Aber er liess den Böhmen im Westturm des nahen Schlosses Gottlieben anketten und auf dem Brühl als Ketzer verbrennen.

Ein Ketzer war in den Augen von Papst Leo X. auch Martin Luther. Ihn hatte der Augustiner am 10. Dezember 1520 frontal herausgefordert, als er in Wittenberg päpstliche Erlasse verbrannte. Luther liess selbst die Bulle in Flammen aufgehen, in der ihm Papst Leo den Kirchenbann androhte – und den Rom dann prompt vollzog.

“Weder Hörner noch Zähne”

Im stickigen, heissen Saal zu Worms nahm es Martin Luther auch mit dem Habsburger Kaiser auf. Er eröffnete seine Rede mit der Bitte, ihn in Gnaden aufzunehmen und Nachsicht walten zu lassen, wenn er den einen oder anderen Fürsten nicht standesgemäss anrede.

Die Bischofsstadt Worms 1521 (Rekonstruktion).

Hernach verteidigte er seine Schriften vorbehaltlos. Er redete in deutscher Sprache, bis er aufgefordert wurde, zum Latein zu greifen; was Luther tat, obwohl seine Devise deutsch und deutlich lautete: “Mach’s Maul auf! Tritt fest auf! Hör bald auf!”

Nachdem Luther seine Verteidigung beendet hatte, spitzte sich der Zusammenprall zu. Der Kaiser beschied Luther, er habe nicht zur Sache gesprochen. Er erwarte hier und heute einen klaren Widerruf der häretischen Thesen. Martin Luther hielt stand. Sinngemäss schleuderte er dem Herrscher entgegen:

  • Wenn die Majestät schon eine einfache Antwort begehre, so wolle er, Luther, eine geben, die weder Hörner noch Zähne habe.
  • Er glaube weder dem Papst noch den Konzilien; denn diese hätten oft geirrt und sich selber widersprochen. Er vertraue allein der Bibel und der Vernunft und sei erfüllt von der heiligen Schrift und verpflichtet seinem Gewissen.

“Beschwerlich, unsicher, unlauter”

Dann sprach Luther die lateinischen Worte, derer noch nach 500 Jahren die evangelische Welt gedenkt: “Widerrufen kann und will ich nicht; denn gegen das Gewissen zu handeln, ist beschwerlich, unsicher, unlauter. Hier stehe ich, ich kann nicht anders.” Und auf Deutsch: “Gott helfe mir, Amen!” Durch die Menge ging ein Raunen. Applaus gab es nicht. Kirchliche Würdenträger zeigten mit Fingern auf Luther.

Die Empörung der kirchlichen Würdenträger.

Neuerdings zweifelt die kontrafaktische Geschichtsschreibung – wie könnte es anders sein – Luthers Rede und sein Schlusswort an. Sie spielt mit den Übergängen von Deutsch zu Latein und zurück. Jedoch ist Luthers Auftritt und die Konfrontation mit dem Kaiser vielfach belegt und kompakt überliefert. Die Kritteleien moderner Historiker muten an wie der törichte Versuch der Schweizer Linken, den solid erhaltenen Bundesbrief der Eidgenossen von 1291 kaputt zu schreiben.

Als Luther in Worms seine Unterkunft aufsuchte, rief er aus: “Ich bin durch! Ich bin durch!” Schon am 19. April liess der Kaiser den deutschen Fürsten sein Wormser Credo zukommen. Er, Karl V., schütze den wahren Glauben und dulde Ketzer nicht, wie Luther einer sei.

Kaiser Karl V. verdammt Luther.

Die Kirchengewaltigen stimmten zu, die weltlichen Herrscher reagierten verdeckt. Kurfürst Friedrich III. fädelte heimlich die “Entführung” ein, mit er Luthers Leben retten wollte. Es war ein militärischer Geniestreich von epochaler Bedeutung – List und Täuschung in Vollendung.

Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen.

Die “Entführung”

Am 25. April machte sich Luther auf – nach Hause, in Richtung Heimat, nach Sachsen; dort würde ihm der Kurfürst Schutz und Sicherheit bieten. Noch vor der Abreise war der Reformator in Friedrichs Plan eingeweiht worden. Am Abend des 4. Mai schlugen die sächsischen Ritter zu. Sie rissen Luther aus seinem Wagen, schlugen nächtliche Umwege ein und brachten “Junker Jörg” eine Stunde vor Mitternacht wohlbehalten auf die Wartburg.

Die Eisenacher Wartburg.

Martin Luther, “Junker Jörg”.

Luthers Stube. Auf der Wartburg übersetzte er die Bibel in die hochdeutsche Sprache.

Dort hielt sich Martin Luther bis zum 1. März 1522 verborgen. Er nutzte die Zeit: Er übersetzte das Alte und das Neue Testament für deutsche Gläubige. Es war ein Wurf von revolutionärer Tragweite. Der Übersetzer brachte dem Volk die Botschaft der Bibel nahe und schuf gleichzeitig die deutsche Hochsprache, wie sie in Deutschland und Österreich bis heute gesprochen wird.

Offener Kampf bis 1648

In der europäischen Geschichte brach am 18. April 1521 der Konflikt auf, der fortan das Abendland fast zerreissen sollte. Der 21-jährige Karl V. schwor, den Aufstand der Ketzer niederzuschlagen. Unter dem Schutz reformierter Herrscher hielt Luthers Botschaft dem Ansturm stand. Doch die Gegenreformation gewann Terrain zurück.

Mit dem Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618 mündete das konfessionelle Ringen in den 30-jährigen Krieg, der ganze Landstriche Europas verwüstete. Erst der Westfälische Frieden vom 24. Oktober 1648 setzte dem Hauen und Stechen, dem blutigen Kampf um den rechten Glauben, ein Ende.

Das Wormser Denkmal. Zusammen mit dem Genfer Calvin-Monument ist es das grösste Reformationsdenkmal der Welt.

Das Rathaus von Osnabrück, wo 1648 der Westfälische Frieden verkündet wurde.