BISS – Generalstabschef Gerassimow lebt

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Der Tatare Valeri Gerassimow.

  • Am 13. Kampftag, am 8. März 2022, sorgte der Tod eines russischen Generals namens Gerassimow auf dem Netz einen Moment lang für Aufregung – bis sich herausstellte, dass die Meldung des ukrainischen Nachrichtendienstes nicht den Generalstabschef Valeri Gerassimow betraf, sondern den 44-jährigen Generalmajor Vitali Gerassimow, Stabschef einer Feldarmee.

Charkow, die heftigste Schlacht

  • Hätten die Agenturen, die das Gerücht über den Generalstabschef verbreiteten, auch nur eine leise Ahnung von Militär, dann hätten sie gewusst: In den russischen Streitkräften halten sich Ein- und Zwei-Sterne-Generale oft an der Front auf; selten aber Ranghöhere.
  • Seit Tagen füllt die bisher heftigste Schlacht im Ukrainekrieg, das Ringen um Charkow, die Schlagzeilen. Da ist gegeben, dass sich Generalmajore und Generalleutnants an die Front gegeben – nur schon, um den Verlauf aus eigener Anschauung zu beurteilen und die kämpfende Truppe anzuspornen.
  • Aber der Generalstabschef Valeri Gerassimow an der Front? Russlands oberster Soldat in den Trümmern von Charkow? Das widerspricht militärischer Logik und hätte von den übereifrigen Agenturen überprüft werden müssen. Das schliesst nicht aus, dass der Generalstabschef die Front einmal besucht; aber nur unter äussersten Sicherheitsvorkehrungen.

Ein Mann kämpft um seine Reputation

Der Tatare Valeri Gerassimow ist 63 Jahre alt. Als Panzergeneral und Generalstabsoffizier machte er eine geradlinige, steile Laufbahn. Schon 2012, vier Jahre nach dem Georgienkrieg, löste Präsident Putin den General Nikolai Makarow ab. Er ersetzte ihn durch Gerassimow, der die nach ihm benannte Doktrin des hyriden Krieges erfand.

In der Nacht zum 1. März 2014 setzte er diese zielsicher um. Seine Spezialkräfte – die zu Unrecht so genannten “grünen Männlein” – nahmen die Krim lautlos ein, ohne Hoheits-, Grad- und Funktionsabzeichen.

Valeri Gerassimow, gelernter Panzeroffizier.

Vom 30. September 2015 bewährte sich Gerassimows Führung auch im syrischen Bürgerkrieg, wo seine Luftwaffe im Verbund mit iranischen Bodentruppen den Kriegsverbrecher al-Asad retteten. Allerdings fiel den russischen Piloten ihr Auftrag leicht. Al-Asads Gegner hatten keine Luftwaffe; mit Trennlinien und zeitlichen Absprachen hielten die Israeli, die Amerikaner und deren Verbündeten den Luftraum frei.

Jetzt, im Ukrainekrieg, muss sich Gerassimow als Befehlshaber der drittgrössten Armee der Welt erst noch bewähren. In der Planung der Anfangsphase unterliefen dem Generalstab Fehler. Er unterschätzte den Gegner; und er überschätzte die eigenen Kräfte. Der Kräfteansatz war zu schwach, die Luftwaffe hielt sich viel zu sehr zurück und der Logistik unterliefen Pannen.

Kurz: Der bis zum 24. Februar 2022 erfolgreiche General Gerassimow kämpft an mehreren Fronten um seine Reputation als fähiger Kommandant als höchster Stufe.