BISS – Geheimdienste: Wem noch vertrauen?

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USA: Das Siegel des obersten Geheimdienstchefs zeigt 16 amerikanische Nachrichtendienste.

 

In der NZZ von vorgestern, vom 14. August 2021, schreibt Andreas Babst:

“Die amerikanischen Geheimdienste gehen davon aus, dass die Taliban anders als in den 1990er Jahren diesmal nicht zwei Jahre für den Marsch nach Kabul brauchen. Sie rechnen damit, dass die Hauptstadt innert 90 Tagen fallen wird.”

Letztere Aussage hat Chancen, als die Fehlprognose des Jahres in die Presse-Annalen einzugehen.

“Innert 90 Tagen”

Schon in der Nacht zum 15. August brachen alle Dämme. Am Morgen standen die Taliban in Kabul – nicht in 90 Tagen, in einer Nacht. Präsident Ghani floh, die Rebellen übernehmen die Macht.

16 Nachrichtendienste zeigt das Siegel des amerikanischen Geheimdienstchefs. Aber offenbar noch am 13. August “verrieten” US-Agenten dem NZZ-Korrespondenten in Islamabad, sie rechneten mit dem Taliban-Sieg innnert eines Vierteljahres.

Wem soll man da noch vertrauen, wenn der grösste, teuerste Geheimdienst-Apparat derart versagt? Ihr oberster Dienstherr, Präsident Biden, prophezeite noch am 2. August, die Regierungsarmee werde den Angreifern standhalten. Sie seien gut ausgebildet und stark gerüstet.

Die Gretchenfrage

Womit wir bei der Gretchenfrage wären: Versagten die Geheimdienste vor Ort? Oder wollten, wie so oft, die politischen Instanzen in Washington die traurige Wahrheit nicht zur Kenntnis nehmen?

Spitzenkenner der Materie neigen zur zweiten Antwort. Die Agenten in Afghanistan hätten den Zerfall der Ghani-Armee sehr wohl erkannt; jedoch habe ihr Befund dem Präsidenten Biden, der Vizepräsidentin Harris und dem Aussenminister Blinken nicht ins Konzept gepasst. Moniert wird speziell der unheilvolle Einfluss, den Kamala Harris auf Biden ausübt.

Bittere Fragen

In der Sache stellen sich bittere Fragen:

  • Wie konnte Washington übersehen, dass die Regierungstruppen gar nicht gewillt waren, gegen die Taliban ihr Leben einzusetzen?
  • Was bewog Biden zur Aussage: Ausbildung gut, Ausrüstung stark?
  • Wusste er nicht, dass die Soldaten der dubiosen Republik massenhaft gutes Material intakt (!) liegen liessen: Waffen, Munition, Fahrzeuge, Treibstoff, Helikopter?

Seltenes Bild: links oben Stabschef Mulla Muhamed Fazl mit Kommandanten.

  • Und erkannten er und Harris nicht, dass Mulla Muhamed Fazl, der Taliban-Stabschef, militärisch und politisch eine stringente Strategie durchzog, die in kurzer Offensive zum Sieg führte?

Stimmt wenigstens der Rest?

In der Schulung und Rüstung der Regierungsarmee trugen die USA die Hauptlast und Hauptverantwortung. Ihre Agenten wussten womöglich über den Zustand der Truppe Bescheid. Doch ihre Lagebeurteilung verpuffte, im Detail und im Grossen. Was sollen wir da noch von Bidens Lagebildern aus anderen Hotspots halten?

  • China/Taiwan: Die Dienste warnen dringend vor Rotchinas offener Provokation. Sie vertrauen den eigenen Streitkräften, namentlich der US Navy. Aber sie registrieren Chinas Ausgreifen ins Südchinesische Meer und die andauernden Luft- und Seemanöver gegen Taiwan genau.
  • Es steht zu hoffen, dass sich Bidens Verbündete – Taiwan, Südkorea, Japan, Australien – jetzt nicht irritieren lassen, auch wenn sie das Geschehen in Kabul genau beobachten.
  • Persischer Golf: Die Anrainerstaaten auf dem westlichen Ufer sind in Sorge. Sie fürchten die iranische Theokratie und rüsten selber massiv auf. Die amerikanischen Dienste versuchen den saudischen König und all die Emire zu beruhigen. Immerhin stünden am Golf je eine Staffel F-22, F-35, F-15 und F-18. Und die Navy wache im Golf selbst.
  • Auch da muss man hoffen, dass Bidens Unsicherheit nicht zu Vertrauensdefiziten führt.
  • Baltikum/Polen: Die Balten und Polen leben in ständiger Angst. Russland rüstet und stationiert Iskander-Raketen in Kaliningrad. Die USA haben ihre Präsenz in Polen verstärkt. NATO-Luftwaffen sorgen über dem Baltikum mit jeweils vier Kampfjets für das Air Policing. Und im Turnus stationieren sie Panzerbataillone in Litauen. Gegenüber steht – zum Beispiel – 150 Kilometer entfernt die russische 76. Luftlandedivision, ein stets bereiter Eliteverband.
  • Der Schlüssel liegt in Moskau: Die USA dürfen gegenüber dem Präsidenten Putin keine Schwächesignale aussenden; auch dem inneren Zusammenhalt der NATO würde das schaden.

Ist Kabul die Ausnahme, die die Regel bestätigt?

Die Liste der Hotspots liesse sich beliebig verlängern. Für das Vertrauen zu den USA stellt sich schlicht die Frage: Ist Kabul ein Ausreisser? die Ausnahme, die die Regel bestätigt? ein “Betriebsunfall”? Oder erleben die technisch hochgezüchteten, stark gerüsteten USA ihr zweites Vietnam? ein neues Saigon?

Abschliessende Antworten fehlen. Aber festhalten lässt sich:

  • Der jähe Fall von Kabul erschüttert weltweit das Vertrauen in die Vereinigten Staaten als Vormacht der Welt. Wie nach 1975, nach Saigon, braucht es Zeit, bis die USA das volle Vertrauen zurückgewonnen haben.
  • In Afghanistan lassen die USA, die Briten, überhaupt die NATO, ein böses Machtvakuum zurück.
  • Andere Hegemonialmächte werden versuchen nachzustossen: zuvorderst China und Russland, womöglich auch Iran, Indien und Pakistan. Allerdings übernehmen die Taliban die volle, die ganze Macht. Sie könnten ökonomisch kooperieren, kaum indessen militärisch.