BISS – Frische Verbände und/oder neue Taktik?

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Die Lage der russischen Arrmee am Morgen des 15. Kampftages, 11. März 2022, erinnert an einen Krieg, in dem vor fast einem halben Jahrhundert feindliche Raketen eine traditionell erfolgreiche Armee innert Tagen zu einer neuen Taktik zwangen.

1973: Sagger und SAM, 2022 Javelin und Stinger

Im Yom-Kippur-Krieg vom Oktober 1973 überraschten die Araber die Israeli mit ihren Sagger-Pzaw- und SAM-Boden-Luft-Raketen. Die vom Sechstagekrieg 1967 siegesgewohnten Israeli verloren vom 6.–8. Oktober am Boden zahlreiche M-60- und sogar Centurion-Panzer. In der Luft wurden Skyhawk-, Phantom- und Mirage-Jets reihenweise abgeschossen. Das zwang sie vom 9. Oktober an:

  • terrestrisch zum Kampf der verbundenen Waffen,
  • in der Luft zu vorsichtigen Operationen, bis die Bodentruppen Mitte Oktober die gegnerischen SAM-Stellungen ausgeschaltet hatten.

Dann gewannen sie an beiden Fronten: am Suezkanal gegen Ägypten und auf dem Golan gegen Syrien, Jordanien, Irak und Marokko.

Schwerer, brutaler, grausamer

Ob den traditionell starr operierenden Russen eine derart grundlegende Anpassung der Taktik in so kurzer Zeit gelingt, bleibt abzuwarten. Bisher stellten sie vom 2. März 2022 ihren Kräfteansatz und die Brutalität ihres Vorgehens um:

  • Bis und mit 1. März hatten sie auf rasch vorgehende Speerspitzen gesorgt: Ihre sehr gut trainierten Spezialkräfte und konzentriert eingesetzte Mechanisierte Infanterie (die organisch auch Panzerformationen umfasst) sollte früh Durchbrüche erzielen, was nicht gelang. Ebenso vertrauten sie auf die Wucht und Präzision ihrer Fernwaffen Iskander und Kalibr.
  • Dann setzten sie auf Masse und Flächenfeuer – unter Inkaufnahme von collateral damage, ehrlich und auf gut deutsch: von schweren, brutalen Verlusten unter der ukrainischen Zivilbevölkerung, ausgeprägt in Sumy, Charkow, Mariupol, Cherson, aber auch in den Vororten von Kiew.
  • Auch wenn Präsident Putin und sein Regime offenbar reputationsmässig nichts mehr zu verlieren haben, führen sie gegen die ukrainischen Städte einen grausamen Krieg, was den Westen dazu anspornt, den Ukrainern die Javelin- und Stinger-Abwehrwaffen zu liefern, den russischen Soldaten und Piloten so effizient zusetzen.

Stalins sibirische Divisionen

Der militärischen Logik entspricht die Zurücknahme “abgenutzter” Formationen nach schweren Schlachten und eigenen Verlusten. Sie durch frische Kräfte zu ersetzen und die Fronten neu zu verstärken, hat auch bei den Russen Tradition. Ein berühmtes Beispiel aus der Militärgeschichte ist Stalins Sieg in der Schlacht vor Moskau vom 5. Dezember 1941 an:

  • Im Unternehmen “BARBAROSSA” stiess die deutsche Wehrmacht Anfang Dezember 1941 bis 10 Kilometer vor Moskau vor.
  • Stalin und sein fähigster General, der erst 45-jährige Georgi Schukow, hatten aber aus Sibirien per Eisenbahn ganze Divisionen nach Moskau transportieren lassen, was den Deutschen entgangen war.  Zudem war die Landser erschöpft; viele erfroren bei minus 30°, weil Hitler in Herbst in einem verbrecherischen Befehl die Winterausrüstung seiner Soldaten verboten hatte (er glaubte, spätestens im November sei der Gegner niedergerungen).
  • Völlig überraschend warfen die gut für den Winterkrieg gerüsteten sibirischen Divisionen die Wehrmacht zurück. Sie durchbrachen die Front der Heeresgruppe Mitte und stiessen in den zuvor von den Deutschen eroberten Raum vor.

Tempi passati. Damals verteidigten die Russen ihr Mutterland gegen Nazi-Deutschland, das sie am 22. Juni 1941 auf ganzer Front vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer überfallen hatte. 2022 sind sie die Aggressoren. Jetzt ringen die Ukrainer um ihr Vaterland, um ihren Staat, um ihren Boden. Die Ukrainer schützen ihr Volk, ihre Städte und Dörfer. Das ist der historische Unterschied von 1941 und 2022.

Frische Verbände?

Ob und wie viele frische Formationen der Generalstab in Moskau nachführt, wird der Kampfverlauf weisen. Präsident Selensky undAussenminister Kuleba bekräftigen am 10. März 2022 erneut, die Ukraine werde durchhalten.