BISS – Faktencheck “Weltwoche”

Standard

 

 

 

Ausschnitt aus dem Weltwoche-Bild, das den 28-jährigen Talib Uqab auf dem Kabul Airport mit seinem M4-Gewehr zeigt.

 

Die neue Weltwoche wartet mit einer publizistischen Sonderleistung auf. Vom 29.–31. August 2021 hielt der Redaktor Urs Gehriger mit dem Talib Uqab Afghan Alhanafi über Whatsapp Verbindung. Es entstand der singuläre Bericht eines Taliban-Propagandisten vom Airport Kabul. Uqab Afghan heisst afghanischer Adler.

Sein Text gibt Einblick in die Guerilla-Armee, die in zwanzigjährigem Krieg die USA und die NATO besiegte. Der Talib vermittelt Nuancen und Hoffnungen, die es zu registrieren gilt.

Dennoch ist militärisch ein Faktencheck nötig. Der Beitrag ist nicht frei von Widersprüchen; und die eine oder andere militärischen Aussage widerspricht übereinstimmenden Analysen aus verlässlicher Quelle.

Was zweifelsfrei stimmt

Uqab Afghan schreibt, er sei seit dem Einmarsch nach Kabul am Flughafen stationiert und bewache das Waffendepot der Taliban.

Das ist plausibel. Die Taliban-Propaganda hebt auf dem Airport das Elite-Bataillon Badri 313 hervor, das nun das Schlüsselgelände sichert. Von neutralen Fotografen kommen von „Nebenkriegsschauplätzen“ aber auch Bilder, die Taliban in der gewohnten Kleidung zeigen. Exakt so bildet die Weltwoche den Talib Uqab auf dem Airport ab.

Uqab hält einhändig ein amerikanisches M4-Sturmgewehr in die Höhe. Er nennt das M4 „ein fantastisches Gewehr“. Auch das leuchtet ein. Das M4 gilt weltweit als gute, zweckmässige Waffe; und auf ihrem Siegeszug erbeuteten die Taliban Zehntausende Sturmgewehre aus Depots der afghanischen „Armee“.

Weiter lobt Uqab die Mobiltelefone: „Denn in den sozialen Medien findet der eigentliche Kampf statt. Wenn wir ein Gebiet einnahmen, luden wir Bilder hoch, und die Gegner verloren schnell ihre Moral.“ Diese elementare Taktik wird von verlässlichen Quellen seit Jahren bezeugt.

„Tag und Nacht“ am Versteck arbeiten

In Widersprüche verstrickt sich der Talib Uqab, wenn er die rührende Geschichte von seinem Vater erzählt. Dieser habe Taliban-Truppen in der Nähe des Militärflugplatzes Bagram befehligt und „Tag und Nacht“ daran gearbeitet, Waffen zu verstecken. 

Ich habe am 23. Juli 1999, als die Serben das Kosovo freigaben, in Gjilane auf einem Bauernhof bei UCK-Kämpfern übernachtet. Sie zeigten ein geniales Waffenversteck. Die Jugoslawische Armee habe überall Waffen gesucht. In einer Scheune auf freiem Feld hätten sie nachts ihre Waffen samt Munition unter dem Boden so versteckt, dass die Serben nie und nimmer drauf gekommen wären. Die Bauern hätten die Scheune weiter benutzt, als ob diese nicht einen Schatz barg.

„Tag und Nacht“ an einem Versteck arbeiten, heisst: das Versteck verraten. Zudem schreibt Uqab, sein Vater habe sich in den Bergen in einer Höhle versteckt – weit von zuhause entfernt.

„Einmal Soldat, einmal Offizier“

Im Gegensatz zu allen Quellen, die den Taliban Ordnung, straffe Disziplin und eine flache Hierarchie zuschreiben, behauptet Uqab: „Unter uns Kämpfern gibt es keine Rangordnung. An einem Tagt bin ich Soldat, an einem Tag Offizier, an einem anderen Tag Journalist.“

Am Tag 1 Soldat, am Tag 2 Offizier? Wohl eher nicht! Propagandabild vom Bataillon Badri 313.

Da kommt viel durcheinander. Uqab legt Wert auf die Feststellung, er sei „Mitglied der Taliban-Medienkampagne.“ So weit, so gut. Denkbar ist auch, dass er als Taliban-Journalist am Flugplatz ein Depot bewacht. Das kommt vor.

Nur: Überträgt er da nicht die lockere Ordnung der Medientruppe auf das Ganze? Von den siegreichen Kampfverbänden wird übereinstimmend berichtet, die Feldkommandanten und ihre Unterführer nähmen ein ausserordentlich starke Stellung ein. Auch das ist plausibel. Ohne Stabsarbeit, klare, kurze Befehle und die Befehlstreue der Krieger hätten die Taliban nicht eine Weltmacht besiegt.

Heute Soldat, morgen Offizier? Sicher nicht an der Kampffront, am wenigsten bei den numerisch und waffenmässig lange krass unterlegenen Taliban! Selbst von einemTalib aus ihrem durchaus schlagkräftigen Propaganda-Verband mutet das, gelinde gesagt, seltsam an. Denn eines muss man den Taliban lassen: Ihre psychological information – verzeihen Sie das in der Schweizer Armee verpönte Wort – schlugen voll durch; siehe oben Uqabs Lob seines Mobiltelefons.

Kritik und Propaganda

Zum Schluss ein inhärenter Mangel des Textes. Uqab will säuberlich zwischen Kritik und Propaganda unterscheiden: „Kritik ist das eine, Propaganda etwas anderes. Wir sollten darauf achten, dass wir die beiden nicht vermischen.“

Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Talib Uqabs gesamter Beitrag ist ein einziges, gelungenes Propaganda-Produkt. Er ist mitnichten der neutrale Journalist, der er gern wäre. Er gehört militärisch und wohl auch hierarchisch zu einer Propaganda-Maschine, die anderen solchen Kampfgruppen soeben den Meister gezeigt hat.

Weiter bilden Kritik und Propaganda kein Gegensatz-Paar. Kritik am Gegner – wahre und „graue“ oder „schwarze“ – gehört zum elementaren Handwerk des Informationskriegs. Wer den Feind triftig oder auch nicht anschwärzt, hat psychologisch schon gewonnen.

Die “Krankenschwester” vor dem Senat.

Links die wahre Gestalt: Die Tochter des Kuwait-Botschafters in Washington war 1990 nicht in Kuwait – und schon gar nicht Krankenschwester.

Als Präsident George H. W. Bush im Oktober 1990 dem Kongress das Ja zum Kuwait-Feldzug abrang, verkleidete der kuwaitische Botschafter in Washington seine 15-jährige Tochter als Krankenschwester. Sie trug dem Senat die Story von den plündernden Iraker vor, die in Kuwait Babies aus Brutkästen raubten und am Boden sterben liessen. Prompt hiess der Senat den Krieg mit 52 zu 47 Stimmen gut.

Dennoch: Zu lesen und auszuwerten

Das alles ändert nichts daran: Uqabs in den letzten Kriegstagen entstandener Beitrag verdient es, beachtet und ausgewertet zu werden.

Der Autor führte in der Schweizer Armee 17 Jahre Informationstruppen, darunter von 1996–2003 als Kommandant das Info Rgt 1, eine Funktion, die ihn oft auf den Balkan führte (Bosnien, Kosovo, Albanien).