BISS – Einmarsch auf vier Achsen?

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Der Dnjepr prägt die Ukraine seit 1941 militärisch. Kiew liegt weit im Norden am Schicksalsstrom.

Eines vorweg: Militärisch ist im Konflikt um die Ukraine überhaupt nichts entschieden. Propheten haben es derzeit schwer – und sollten im Moment von ihrer Kunst Abstand nehmen.

Was folgt, ist der Versuch, den Aufmarsch, den Amerikas Satelliten jetzt zeigen, in die bekannten russischen Offensiv-Pläne einzubetten. Bisher gingen auch westliche Analytiker im groben Raster von drei potentiellen Angriffen aus:

  • Der bescheidene Plan: Durchstoss von der “Republik Donezk” über Mariupol dem Meer von Asow entlang zur Krim, zur Meerenge von Perekop. Mit dieser Attacke hätten die russischen Streitkräfte die Landverbindung zur 2014 annektierten Halbinsel hergestellt. Allerdings eröffnete Präsident Putin persönlich die Bahn- und Strassenbrücke vom Kuban-Brückenkopf nach Kertsch, womit Russland bereits einen eigenen terrestrischen Zugang zur Krim besitzt.

Das Conflict Intelligence Team will im Süden den Bahntransport der 42. Gardedivision entdeckt haben. Die Karte zeigt das Meer von Asow, dem entlang der Korridor-Stoss von Rostow zur Krim führen würde.

  • Der erweiterte Plan: Weiterstossen von Perekop über Odessa nach Transnistrien. Odessas Bevölkerung ist stark russisch geprägt; und Transnistrien, Moldawiens Land östlich des Dnjestrs, wird eh von einer russischen Division gehalten, was die Moldawier am NATO-Beitritt hindert. Das Durchstossen an die moldawische Grenze würde die Ukraine vom Schwarzen Meer abschneiden. Für Kiew wäre das ein gewaltiger Schlag.

In der östlichen Ukraine und auf der Krim wohnen relative viele Menschen russischer Muttersprache.

  • Und schliesslich der dritte, der politisch ebenso brisante Plan: Die Besetzung der ganzen Ukraine bis zum Dnjepr – zum Strom, dem schon im Zweiten Weltkrieg operative Bedeutung zukam. Die Offensive an den Dnjepr wäre inklusive der Hauptstadt Kiew und brächte die östliche Ukraine mit ihrer auch russischer Bevölkerung in Putins Hand. Selbst für General Gerassimow und die russische Armee wäre die Okkupation von rund 200’000 km2 ein Herkules-Auftrag.

Kiew am Dnjepr: Schwergewicht auf dem Westufer.

Kiew, die Hauptstadt mit ihren rund 3,5 Milliarden der knapp 42 Milliarden Einwohner des Landes.

Die aktuellen Lagekarten der USA und der Ukraine stimmen weitgehend überein – gewiss kein Zufall: Kiews und Washingtons Agenten spannen zusammen. Beide Geheimdienste zeigen eine umfassende Bedrohung. Die Amerikaner halten von Norden bis Südwesten auf der Krim vier gegnerische Bereitstellungsräume fest – alle auf russischem oder russisch annektiertem Territorium. Das suggeriert eine Offensive auf vier Achsen und entspräche in der alten Planung der Besetzung allen Landes östlich des Dnjeprs, inklusive Hauptstadt Kiew.

Amerikas Geheimdienst zeigt vier Aufmarschgebiete. Von Norden bis zur Krim.

  • Der ukrainische Geheimdienst SBU (Служба безпеки України; Sluzhba bezpeky Ukrayiny) geht noch einen Schritt weiter. Seine recht detaillierte Lagekarte zeigt den russischen Aufmarsch auch an Weissrusslands Südgrenze.
  • Das ist plausibel. Schon im Grossmanöver “ZAPAD 21” verlegte der Generalstab am Ufer der Moskwa starke Offensivtruppen nach Belorus, welche die ohnehin schon dort stationierten Verbände massiv verstärkten.
  • Die ukrainische Darstellung deutet das bisher Undenkbare an: Dass die russische Armee von Norden her auch westlich des Dnjepr zuschlagen könnte. Das wäre dann eine zusätzliche Angriffsplanung – hinein ins Land westwärts Kiew mit seiner ukrainisch geprägten Bevölkerung.

Lagekarte des ukrainischen Geheimdienstes.

  • Abweichend von den Amerikanern konzentriert sich das Conflict Intelligence Team (CIT) auf seiner schematischen Karte auf den Süden.
  • Das Schwergewicht auf der Krim und südwärts Rostow suggeriert eher den elementaren Plan des Durchstosses nach Perekop – oder bis Odessa und an die moldawische Ostgrenze.

Schematische Karte des mysteriösen Conflict Intelligence Teams (CIT).

Das CIT doppelt mit einem Bild nach, das Aufsehen erregen müsste, würde es von einer zweiten Quelle bestätigt, was nicht der Fall ist:

CIT: Iskander-Transport.

  • Die offenbar versteckt gemachte Aufnahme zeigt eindeutig den Transport des gefürchteten Raketensystems Iskander. Die Iskander wurde schon 2018 im Raum Kaliningrad stationiert, was zu politischen Verwerfungen führte.
  • Die Rakete kann mit einem atomaren Sprengkopf bestückt werden und reicht mindestens 500 Kilometer weit.
  • Das CIT behauptet, die Fotografie sei auf der Krim entstanden. Für die Ukraine wären Iskander-Raketen so bedrohlich wie die Kaliningrad-Batterien für die Polen, Balten, Dänen und Ostdeutschen.

Von Belorus ist die Achse nach Kiew offen

Doch damit genug der Deutungen auf dünnem Eis. Im Ukraine-Konflikt spielen die Kontrahenten mit dem Feuer. Die Lage kann sich von Stunde zu Stunde überschlagen. Wir wiederholen die Warnung: Die kontraversen Quellen sind spannend, aber nur Spekunanten hören das Gras wachsen. Fügen wir zum Schluss noch zwei illustrative Karten an, die operativ und geopolitisch viel aussagen:

Die topogragische Ukraine. Man beachte den offenen Zugang nach Kiew von Weissrussland her; ebenso den am Meer von Asow noch schmalen, dann aber weit offenen Korridor im Süden – bis Moldawien. Erst am Dnjepr und Dnjestr stellen sich dem Angreifer zwei formidable Fluss-Hindernisse entgegen. Am Dnjestr jedoch erst am Westufer, für Russland kein Ziel mehr.

Beherrschend der Dnepr – was bedeutet der Strom für Russlands amphibische Heeresverbände? Und gut erkennbar, wie schmal in Moldawien das russisch besetzte Land auf dem Dnjestr-Ostufer ist.