BISS – Die legendäre Panzerhaubitze Abbot

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Der Militärhistoriker Hagen Seehase stellt uns einen weiteren Artilleriebeitrag zur Verfügung – wobei er mit einem Augenzwinkern schreibt, er sei gelernter Panzergrenadier. Der Text würdigt die legendäre Panzerhaubitze Abbot. Sie wurde von britischen Royal Artillery Regiments eingesetzt, die jeweils über drei Geschützbatterien zu sechs Rohren verfügten.

Damit kein Irrtum entsteht: So ein Regiment entspricht in der Schweiz der Abteilung, in anderen Armeen dem Bataillon. 

Das Abbot-Geschütz reichte 17 Kilometer weit. Im scharfen Schuss umfasste die Geschützbedienung sechs Mann. Auf den Verschiebungen fuhren vier Mann auf der Haubitze, zwei auf dem Stalwart-Transporter, der die Munition nachführte. An Bord hatte die Abbot 40 Granaten, die je nach Auftrag ausgeschossen wurden. Die Stalwarts sorgten jederzeit für Nachschub. I

Im Schlussabschnitt geht Hagen Seehase auf den Waffenplatz CFB Suffield in der Provinz Alberta, Kanada, ein. Das Schiessgelände misst 2’700 Quadratkilometer. Das ist 2,7 x grösser als der Kanton Thurgau. Wie oft fände die für die Artillerie nur noch selten genutzte Grosse Allmend bei Frauenfeld in CFB Suffield Platz? Die vielen Mathematiker und Ingenieure unter den Art Of mögen das selber berechnen …

 

Die Panzerhaubitze Abbot

Von Hagen Seehase

  • In den 60er und 70er Jahren waren Panzerhaubitzen des Kalibers 105 mm in den Armeen der NATO-Länder weit verbreitet. Zunächst wäre da die M-52 zu nennen, die in den USA (ab 1957) und in einer ganzen Reihe von anderen NATO-Ländern (ab 1958) verwendet wurde, u.a. auch von der deutschen Bundeswehr.
  • Spätere Entwicklungen waren die amerikanische M-108 (nicht zu verwechseln mit dem 155-mm-Geschütz M-109), die französische  AMX-105 und der britische FV 433 Abbot. Bei der britischen Armee ersetzte der Abbot den mit einer 25-Pfünder-Kanonenhaubitze ausgerüsteten Sexton, eine kanadische Entwicklung.

Drei Geschützbatterien zu sechs Abbots

Die Panzerhaubitze Abbot wurde auf dem Chassis des Transportpanzers FV 432 (FV = Fighting Vehicle)aufgebaut. Im Jahre 1958 begann die Entwicklung beim „Fighting Vehicles Research & Development Establishment“. Der erste von zwölfPrototypen (sechs davon hatten Diesel-, die sechs anderen Benzinmotoren)  wurde 1961 bei Vickers fertiggestellt. 1966 gingen sechs Prototypen in den Truppenversuch.

Die Serienproduktion lief von 1964 bis 1967. Royal Artillery Regiments sowohl bei der British Army of the Rhine (BAOR) als auch in Großbritannien selbst waren ab 1967 mit diesem Fahrzeug ausgerüstet. Normalerweise hatte eine Armoured Division der BAOR in den 70er Jahren drei Royal Artillery Regiments in Bataillonstärke, davon waren zwei mit Abbots, eines mit M-109 ausgerüstet.

Diese Royal Artillery Regiments hatten drei schiessende Batterien mit jeweils sechs Abbots. Zu jeder Panzerhaubitze gehörte noch ein Stalwart-Munitionstransporter.

Zu einer „Gun Section“ gehörten drei Abbots, drei Stalwarts, ein FV 432 Transportpanzer und ein Ferret oder Landrover.

Aufgrund des um 360° drehbaren Turmes und der mit 17’000 Metern relativ grossen Reichweite der Waffe blieb der Abbot recht lange im Dienst. So waren es 1990 160 Abbots und 20 Value-EngineeredAbbots; zwei Jahre später noch 151 Abbots in den Diensten der britischen Streitkräfte, die zum selben Zeitpunkt über 109 M-109 verfügten.

Zu den Vorzügen des Abbot gehörten seine Schwimmfähigkeit mit Hilfe eines faltbaren Schwimmbalges und die relativ große Mündungsgeschwindigkeit der Waffe, die das Geschütz zur Panzerbekämpfung im direkten Richten (bedingt) geeignet machte. Die Panzerabwehrfähigkeit war bei der Konstruktion des Systems von Anfang an in den Fokus genommen worden. So gehörten zur Standardkampfbeladung auch acht HESH-Granaten, d.h. Sprenggranaten mit Quetschkopf (zur Panzerbekämpfung geeignet).

Der Höhenrichtbereich ging von –5° bis 70°, die Höhenrichtung erfolgte von Hand, der Turm war aber mit einer kraftgetriebenen Seitenrichtmaschine ausgerüstet. Ansetzen und Einrammen der Geschosse erfolgte hydraulisch, die Kartuschen resp. Treibladungen mussten von Hand angesetzt werden.

17 Kilometer Einsatzdistanz

Die Waffe selbst war eine Kanonenhaubitze mit der Rohrlänge von 37 Kalibern (L/37). Die Reichweite dieser Waffe übertraf mit 17 Kilometern die anderer vergleichbarer Panzerartillerie: So hatte die französische AMX-105 eine Schussweite von 14,5 km (bei der französischen) und von 15 km (bei der niederländischen Version), die wesentlich ältere M-52 erreichte nur eine Schussweite von 11,2 km. Allerdings war der Vorrat an Bereitschaftsmunition beim Abbot recht begrenzt: nur 40 Schuss wurden mitgeführt. Die AMX-105 zum Vergleich hatte beispielsweise 56 Schuss an Bord.  Die Kanonenhaubitze war mit einem Rauchabsauger ausgestattet.

Das grösste Manko war aber die Feuerkraft der Kanonenhaubitze, deren Zielwirkung nur rund ein Drittel einer 155mm Haubitze erreichte. Eine vereinfachte Version („Value-Engineered Abbot“, 1967 öffentlich vorgestellt) wurde für den Export produziert, die indische Armee wurde mit 68 Stück der größte Abnehmer, 20 „Value-Engineered Abbots“ wurden für die britischen Streitkräfte  beschafft.

Vier davon wurden auf dem Suffield Training Ground in Kanada zu Trainingszwecken verwendet. Der Unterschied zur ursprünglichen Version des Abbots bestand im Fortfall der Gummipolsterung der Ketten, der Einsparung des Fla-MGs, und dem Fehlen weiterer technischer Einrichtungen wie Brandwarnsystem, Nachtsichtgeräten, ABC-Schutzbelüftung, Schwimmfähigkeit.

Ein Blick auf die technischen Daten:

Gewicht:                         15,5 Tonnen

Länge:                             5,84 m

Breite:                             2,64 m

Höhe:                              2,49 m

Höchsttempo:                 48 km/h

Fahrbereich:                   390 km

Besatzung:                     4 Mann (zum Schiessen 6 Mann)

Mit vier Mann konnte die Panzerhaubitze bedient werden, allerdings gehörten zur vollen Besatzung sechs Soldaten, zwei Ladeschützen fuhren auf dem zugehörenden Stalwart mit.

Der Fahrer saß rechts neben dem Frontmotor, einem Vielstoffmotor mit 240 PS. Das Fahrzeuggewicht betrug 17,8 Tonnen. Auf der Basis des Abbots wurde 1971 von der Firma Vickers ein mit zwei 30mm Maschinenkanonen (vom Typ HS 831 L) bewaffneter Flugabwehrpanzer („Falcon“) entwickelt, der aber nicht über das Prototypenstadium hinauskam.

Die Wirksamkeit von Panzerartillerie im Kaliber 105mm wurde länger schon von Experten in Frage gestellt. Da aus der trinationalen Entwicklung Panzerhaubitze 70 (mit Deutschland, Italien und Grossbritannien) nichts wurde, kam es zur Ablösung des Abbot durch eine nationale Eigenentwicklung. Die Abbots wurden ebenso wie die M-109 in der britischen Armee durch die Panzerhaubitze AS90 Braveheart ersetzt.

Indien mottete 80 Abbots / Value-Engineered Abbots ein.

Panzerhaubitzen Abbot sind relativ häufig in Militärmuseen anzutreffen und auch bei privaten Sammlern beliebt, da aufgrund der Austauschbarkeit vieler Teile mit dem Transportpanzer FV 432 eine hinreichende Ersatzteilversorgung gewährleistet ist.

2’700 km2 grosser Schiessplatz – in Kanada

Eine Bemerkung noch zur „British Army Training Unit Suffield“ (BATUS). Diese Trainingseinrichtung besteht seit 1971, und jeden Sommer trainieren dort britische Einheiten, im Winter dient die Anlage dem Training kanadischer Truppenverbände. CFB Suffield (in der Provinz Alberta, rund 250 km von Calgary entfernt) ist mit rund 2’700 Quadratkilometern die grösste Trainingseinrichtung der kanadischen Landstreitkräfte.

Die dort stationierten britischen OPFOR-Einheiten waren in der Vergangenheit wie schon erwähnt auch mit Abbots ausgestattet. Sie zeichnen sich durch ein distinktives Zwei-Farben-Tarnschema aus.