BISS – Der SEAL, der Osama bin Laden umlegte

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Robert O’Neill, der Mann, der für sich in Anspruch nimmt, er habe Osama bin Laden mit drei Schüssen getötet.

Robert O’Neill.

 

Siehe auch > BISS – Wie sträflich die USA bin Laden laufen liessen

Als am 2. Mai 2011 die Ärzte den Leichnam von Abbottabad zweifelsfrei als Osaba bin Laden (OBL) identifiziert hatten, trat Präsident Biden vor die TV-Kameras. Die USA hätten ihren Erzfeind aufgespürt und getötet. Spezialkräfte hätten den Drahtzieher von 9/11 in seinem Anwesen umgebracht. Es seien die besten Soldaten gewesen, die Amerika habe.

Mit diesen Besten meinte Obama die Navy SEALS, die Commando-Truppe der Marine. Es war das legendäre Navy SEAL Team 6, das OBL umgelegt hatte. In einer seltenen Ausnahme traten später zwei Operators ins grelle Licht der Öffentlichkeit:

  • Zuerst schrieb der Operator Mark Bissonnette das Buch No Easy Day. Es erschien unter dem Pseudonym Mark Owen und führte zu Streit mit dem Pentagon.
  • Dann beanspruchte, auch er in Buchform, Robert O’Neill den Ruhm für sich, OBL erschossen zu haben. Er brachte unter seinem echten Namen den Beststeller mit dem langen Titel auf den Markt: The Operator: Firing the Shots that Killed Osama bin Laden and My Years as a Seal Team Warrior.

Über die entscheidenden Sekunden sind sich O’Neill und Bissonnette uneinig:

  • O’Neill berichtet, er sei als erster in bin Ladens Schlafzimmer gestürmt und habe den Terroristen sofort erkannt. Dieser habe zur Waffe gegriffen; doch er, O’Neill, sei ihm zuvorgekommen und habe ihn dreimal aus kürzester Distanz zwischen die Augen geschossen. OBL sei sofort tot gewesen.
  • Bissonnette spricht seinem Kameraden die Tötung ab. Ein dritter SEAL, Point Man genannt, sei als erster eingedrungen und habe OBL umgelegt. Erst dann seien hätten er und O’Neill den Raum betreten und weitere Schüsse auf bin Laden abgegeben, weil der sich noch bewegt habe.

Wer ist Robert O’Neill?

Der Mann, der allgemein für den SEAL gehalten wird, der Amerikas gefährlichsten Feind umbrachte, wurde am 10. April 1976 im gebirgigen Bundesstaat Montana geboren. Er wollte als Scharfschütze zu den Marines. Doch sein Aushebungsoffizier überredete ihn, sich bei den Navy SEALS zu bewerben. Er bestand die Selektion, selbst das spezielle “Underwater Demolition/SEAL-Training”, und wurde als Scharfschütze in die Bravo-Kompanie des SEAL Teams 2 aufgenommen.

Das Emblem des Navy SEAL Teams 6.

Mehrfach zeichnete sich O’Neill in Einsätzen aus. Er aspirierte auf das SEAL Team 6, die crène de la crème der Spezialtruppe. Das Team 6 befreit Geiseln und killt Terroristen. O’Neill durchlief die neunmonatige Selektion mit Erfolg und stieg in der neuen Einheit zum Teamleader der Red Squadron auf. Im Rang des Senior Chief Petty Officer (SOCS) führte er die rote Staffel in zwölf heiklen Kampfmissionen. Bekannt wurden zwei:

  • 2005 rettete er den Operator Marcus Luttrell, den einzigen Überlebenden des SEAL Teams 10, in der Operation “RED WINGS”.
  • 2009 sprang er mit der Staffel über dem Indischen Ozean ab. Seine Operators entrissen Piraten den Kapitän des Containerschiffs “Maersk Alabama” unversehrt.

Die grosse Stunde

O’Neill gehört mit 52 Auszeichnungen im Navy-SEAL-Korps zu den höchstdekorierten Operators. Er trägt zwei Silver Stars für exemplarische Tapferkeit vor dem Feinde. Seine grosse Stunde schlug Anfang Mai 2011, nachdem Osama bin Laden unachtsam sein Versteck in Abbottabad verraten hatte. Die CIA verifizierte einen ersten Hinweis und fand das ummauerte Anwesen unweit einer pakistanischen Kaserne.

Die Planer der Operation “NEPTUNE’S SPEAR” ernannten das Navy SEAL Team 6 früh als Speerspitze. Die Aktion sollte von Afghanistan ausgehen und den Pakistanern, denen niemand so recht traute, verschwiegen werden. Sie sollten das Eindringen der Amerikaner erst bemerken, als diese auf dem Rückweg die afghanische Grenze schon wieder überflogen hatten.

Abbottabad. Aufklärungsbild.

Bin Ladens Haus. Das Navy Team 6 trainierte an einem Modell.

Für den Transport bildete der Stab eine kleine Staffel von Chinook- und Black-Hawk-Helikoptern. Kommandant der Operation war der damalige Vice Admiral William McRaven, Befehlshaber des Joint Special Operations Command. Er wollte die Aktion – nach gebührender Planung – rasch durchziehen; der Erzterrorist OBL sollte den Jägern nicht noch entwischen, wie ihm das im Dezember 2001 aus Tora Bora gelungen war.

William McRaven führte die Operation “NEPTUNE’S SPEAR”.

Noch am 1. Mai 2011 hoben die fünf Helikopter auf dem vorgeschobenen Stützpunkt Jalalabad ab. Sie überquerten die pakistanische Grenze unerkannt und landeten planmässig bei bin Ladens Anwesen. Einzig ein Black Hawk sackte ab; er war eine geheime Stealth-Version und wurde gesprengt. Der Auftrag der roten Staffel lautete eindeutig: OBL – Code “GERONIMO” – ist zu töten, nicht gefangen zu nehmen. Präsident Obama unternahm alles, dass aus dem Terroristen kein Märtryer wurde.

Im Wohnhaus fanden die Operators im ersten Stock OBL, worauf sich das Geschehen abspielte, das O’Neill und Bissonnette kontrovers schildern. Das Eingreifen von bin Ladens Meldeläufer al-Kuwaiti verschärfte deren Zwist. Er soll zu einer AK-47 Kalaschnikow gegriffen haben – oder auch nicht. Fest steht nur: Die SEALS schalteten ihn und seinen Herrn sofort aus. Dann massen die Operators den Leichnam aus. Die Grösse stimmte wie auch die DNA-Probe der CIA. Ein Spezialteam stellte Geräte und Dokumente sicher; es barg einen Schatz geheimer Informationen.

Im Lagezentrum des Weissen Hauses. Hillary Clinton bedeckt als einzige den Mund.

Obamas Willen, OBL jeglichen Märtyrerstatus zu verweigern, ging so weit, dass er anordnete, die Leiche sei sofort zu bestatten. Sie wurde auf ein amerikanisches Kriegsschiff im Indischen Ozean geflogen, wo Amerikas Feind Nummer 1 eine würdige Seebestattung erhielt. Der Ort, wo der Leichnam ins Meer glitt, ist und bleibt geheim – siehe Obamas innigen Wunsch.

O’Neill schied Ende 2012 auf eigenen Wunsch aus dem Dienst aus. Er lief seinem Rivalen Bissonnette den Rang ab und wurde zum begehrten Vortragsredner. Auch jetzt wieder, zum 20.Jahrestag von 9/11, steht er im Rampenlicht.

In einem aktuellen Interview legte O’Niell Wert auf eine persönliche Feststellung zum Code “GERONIMO”: Er halte diesen für falsch und habe ihn nur gebraucht, um zu melden: “GERONIMO KIA”, Osama bin Laden killed in action, getötet im Gefecht. Denn Geronimo sei ein aufrechter Kämpfer gewesen – und bin Laden ein Schuft.