BISS – Der Krieg der Generale

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Lloyd Austin (links), Mark Milley.

 

Das musste so kommen: In den USA ist der Krieg der Generale entbrannt. In dem Land, in dem 1991 selbst nach dem glanzvollen Sieg im 100-Stunden-Feldzug das Buch “The General’s War” erschien, kann die militärische Führung nach der schweren Niederlage von Kabul nicht ungeschoren davonkommen.

  • Gestern veröffentlichten 90 Generale und Admirale einen offenen Brief an den Pentagon Chef Lloyd Austin und den Vorsitzenden der Vereinten Stabschefs, General Mark Milley. Sie forderten den Minister und den Generalstabschef zum sofortigen Rücktritt auf.
  • Heute setzten sich Austin und Milley zur Wehr. Mit der hochrangigsten Besetzung, die das Pentagon stellen kann, traten sie gegen die 90 Generale und Admirale an.

Was werfen die Generale + Admirale der Führung vor?

Die 90 Generale und Admirale äussern ihre Besorgnis um den Zustand der Streitkräfte und deren Position in der Welt:

  • Sie finden das Debakel in Afghanistan unerträglich und werfen Austin und Milley Führungsfehler vor.
  • Insbesondere befürchten sie, die Niederlage am Hindukusch schade Amerikas Ansehen bei Verbündeten in aller Welt. Die Fehleinschätzungen, das Versagen der afghanischen Armee, der Verlust an wertvollen Material und der überstürzte Rückzug erschütterten das Vertrauen der Alliierten in einer Lage, in der China und Russland mit dem Säbel rasselten.
  • Dafür sei die oberste Militärführung zur Rechenschaft zu ziehen: Nur der sofortige Rücktritt von Austin und Milley könne die verfahrene Lage noch retten.

Was entgegen Austin und Milley ihren Kritikern?

Lylod Austin, ein Vier-Sterne-General wie Milley, hatte einen ruhigen, selbstbewussten Auftritt. Mark Milley geriet phasenweise in die Defensive, legte aber die Grösse an den Tag, Fehler einzugestehen.

  • Die angegriffenen Generale machten aus ihren Emotionen kein Hehl. Die 20 verlorenen Jahre am Hindukusch hätten Wunden geschlagen. Beide hätten im Krieg Freunde und Kameraden verloren. Der Schmerz und die Wunden blieben.
  • Austin und Milley richteten Vorwürfe an die Adresse des geflohenen Präsidenten Ghani. Die USA und ihre Alliierten hätten Hunderttausende ausgebildet und Ghanis Armee gut gerüstet. Sein Versagen und der Kollaps der Streitkräfte habe überrascht. Allerdings wurde heute ein Telefonat vom 23. Juli 2021 publik: Ghani warnt Biden vor der kommenden Taliban-“Invasion”. Die Gotteskrieger griffen an, und es befänden sich 10’000 bis 15’000 andere Terroristen im Land. Boden reagiert schwach.
  • Der Pentagon-Chef hielt fest, die Lehren müssten gezogen werden. Die Streitkräfte müssten “neue Fähigkeiten entwickeln”. Was das ist, blieb offen.

Die USA auf dem Rückzug

  • Die Pressekonferenz hinterliess überhaupt nicht den Eindruck, dass Austin und Milley an Rücktritt denken. In der Fragerunde verhielt sich die Pentagon-Presse ungewöhnlich sittsam.
  • Einen Eindruck hinterlassen die Auftritte von Präsident Biden vom 31. August 2021 und die Pressekonferenz von heute: Die USA befinden sich auf dem Rückzug. Es wäre gewiss übertrieben, von einem Zurück zum Isolationismus der Jahre 1919–1941 zu reden. Doch namentlich Bidens wehleidige, defaitistischen Worte können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Präsident und Oberbefehshaber in seiner Amtszeit sein Militär nicht so schnell wieder in ein weit entferntes Abenteuer befehlen wird.
  • Aus Abschied und Traktanden fällt das *Nation Building”, der Staatenbau. Das ist nicht schade. Präsident George W. Bushs Konzept war eine Totgeburt von Anfang an – siehe Irak, Syrien, Yemen, Libyen und jetzt Afghanistan.