BISS: Jerusalem – rote Linie überschritten

Standard

 

Was folgt, ist auf dem Stand von Dienstag, 11. Mai 2021, 5.30 Uhr. Die Lage entwickelt sich rasant und bedarf später der Nachführung.

  • Seit Sonntag, seit dem 9. Mai 2021, nimmt der Kampf um das heilige Land eine neue Dimension an. Er erfasst Jerusalem.
  • In der dreifach heiligen Stadt bündelt sich der Konflikt wie unter einem Brennglas. Im Focus steht die Altstadt, die einen Quadratkilometer misst und in vier Viertel geteilt ist: das jüdische, das armenische, das lateinische und das muslimische.
  • Neu sind die Raketenangriffe der Hamas auf Jerusalem. Bisher richtete die Terrorarmee ihre Geschosse auf Ziele im Negev bis Beersheva und an der Mittelmeerküste bis und Tel Aviv. Für die israelische Armee hat die Hamas damit eine rote Linie überschritten, offenbar gilt jetzt “Aug um Aug, Zahn um Zahn”, wie im Alten Testament.

Präzisere Raketen

  • Die bisher abgefeuerten Raketen waren ungenau und wurden zu rund 90% eine Beute der israelischen Iron-Dome-Flab. Jerusalem wurde verschont. Zu gross war die Gefahr, dass ein verirrtes Geschoss die heiligen Städten des sunnitischen Islam auf dem Haram as-Scharif treffen würde.
  • Die Hamas wird von Iran finanziert und mit Waffen alimentiert. Sie ist ist den gemässigten arabischen Staaten verhasst. Eine Hamas-Rakete auf die al-Aksa-Moschee oder den wunderbar schönen Felsendom wäre für die Terroristen verheerend.
  • Jetzt aber wagen sie mit genaueren Raketen den Angriff auf die israelische Weststadt, die sich in Richtung Tel Aviv stark ausgedehnt hat. Von den bisher sieben Raketen schlug mit Sicherheit eine in West-Jerusalem ein.

Israel schlägt zurück

  • Völlig den Erwartungen und den Usanzen entsprechend schlägt die israelische Luftwaffe zurück. Wie Video-Sequenzen vom Montag belegen, steigen die Hamas-Raketen mitten aus der Stadt Gaza in den Himmel. Das war schon immer so. Die Hamas betreibt ihre Raketenstützpunkte in der Millionenstadt.
  • Das zwingt die israelischen Piloten zu heiklen Präzisionsattacken mitten in der Agglomeration. Es überrascht nicht, dass der von der Hamas beherrschte Rote Halbmond sofort zivile Todesopfer meldet. Überprüfen lassen sich die Zahlen nicht; aber auszuschliessen sind einzelne Opfer nicht.
  • Die Hamas setzt seit jeher Zivilpersonen als menschliche Schutzschilde ein.

Explosive Mischung

Zu Wochenbeginn ballten sich zwei Ereignisse zu einer explosiven Mischung, begünstigt vom Umstand, dass es die Corona-Lage den Behörden Anfang Mai erlaubte, weitgehende Lockerungen zu erlassen.

  • Die Israeli feierten am Montag den Jerusalem-Tag. Im Sechs-Tage-Krieg vom Juni 1967 eroberten sie die Altstadt von Jerusalem, die sie im Unabhängigkeitskrieg von 1948/49 nicht besetzt hatten. Sofort annektierten sie die gesamte arabische Oststadt.
  • Seither gilt Jerusalem als die “ewig ungeteilte und ewig unteilbare Hauptstadt” des Staates Israel. Jerusalem ist für das jüdische Volk seit 2’000 Jahren nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische Klammer. Nicht nur die frommen Orthodoxen, auch die laizistische Mehrheit teilt die Stadt nicht mehr.
  • Der zweite Umstand liegt in der Koinzidenz mit dem Ramadan-Ende 2021. Der Jerusalem-Tag fiel mit Eid al-Fitr zusammen. Eid al-Fitr feiert das Fastenbrechen nach den Entbehrungen des Ramadan.
  • Ausgerechnet an diesem Freudentag kam es in der Al-Aksa-Moschee zu schweren Kämpfen. Die israelische Grenzpolizei, die komplett militärisch strukturiert und geführt ist, setzte im Innenraum Tränengas und Gummigeschosse ein. Es gab zahlreiche Verletzte auf beiden Seiten. Die Araber sprechen von mehreren 100, Israel meldet 32 verletzte Polizisten.
  • Im sunnitischen Islam ist die Al-Aksa , die “Entfernte”, das drittwichtigste Heiligtum nach Mekka und Medina. Die Moschee ist exakt auf die Kaaba in Mekka gerichtet (im schiitischen Islam sind Najaf und Kerbala im Irak die heiligsten Stätten).

Netanyahu und Mahmoud Abbas

Überlagert wird der Konflikt vom politischen Schicksal zweier alter Männer:

  • In Israel kämpft Premier Benjamin Netanyahu um sein politisches Überleben. Dreifach angeklagt wegen Korruption, gelang es ihm auch im vierten Anlauf nicht, nach Wahlen eine Regierung zu bilden. Sein rechts-orthodoxes Bündnis kommt in der 120-Sitze-Knesset nur auf 58 Stimmen.
  • Weil nun Yair Lapid, der Chef der Zukunftspartei, mit dem Zentristen Benny Gantz und den drei klar konservativ positionierten Parteiführern Bennett, Lieberman und Saar versucht, unter Duldung der arabischen Parteien eine Gegenkoalition zu bilden, steht dem Premier das Wasser am Hals.
  • Es wäre nicht das erste Mal, dass Netanyahu den Ausweg in einer militärischen Eskalation sucht. Ob ihm das hilft? Ob Mässigung nicht besser ist? Ob er soviel Kriegsbegeisterung schüren kann, dass er die Nation in den vierten Gazakrieg nach 2008/09, 2021 und 2014 führen kann?
  • Hinzu kommt: Der bald 86-jährige Mahmoud Abbas, Präsident der Palästina-Autonomiebehörde, hat Wahlen erneut verschoben. Er liess sich – nach Arafats Tod – am 15. Januar 2005 letztmals wählen, bevor er dann im Sommer 2005 gegen die Hamas den Fünf-Tage-Krieg um Gaza krachend verlor.
  • Seither stellen sich er und seine verkrustete, hochkorrupte Fatah-Clique nicht mehr zur Wahl. Sie befürchten, nach Gaza auch noch das Westjordanland an die Hamas zu verlieren.

Biden statt Trump

Neu ist zudem die internationale Machtkonstellation:

  • In Washington übernahmen am 20. Januar 2021 die Demokraten das Ruder. Paradoxerweise machen sie, die sie rund 75% der jüdischen Stimmen erzielen, stets mehr Druck auf Israel als die Republikaner.
  • Für Israel erinnerten die vier Trump-Jahre an die acht Jahre von Präsident George W. Bush. Trump gab ihnen alles, was sie wollten, so auch die Anerkennung der Hauptstadt Jerusalem und die Verlegung der amerikanischen Botschaft von Tel Aviv in die heilige Stadt.
  • Biden gilt als Freunde Israel. Aber der Wind hat gedreht und bläst Israel wieder ins Gesicht, wie unter Obama.
  • Die USA vermittelten 2020 die historischen Abraham-Friedensverträge mit den VAE, Bahrain und Marokko (plus Sudan). Aus diesem Grund verzichtete Netanyahu auf die Annexion von 33% des Westjordanlandes, die ihm Trump ausdrücklich angeboten hatte. Ob ihn das auch jetzt die Hand bindet?

Militärische Überlegenheit

Es steht überhaupt nicht fest, dass der Konflikt in den vierten Gazakrieg mündet. Militärisch kann sich Israel auf seine Überlegenheit verlassen:

  • Seit dem Unentschieden im Zweiten Libanonkrieg vom Sommer 2006 haben die Generalstabschefs Ashkenazi, Gantz, Eizenkot und jetzt Aviv Kochavi die Armee wieder auf Vordermann gebracht.
  • Gewiss ist Iran der Feind Nummer 1. Aber die iranischen Ableger Hisbollah im Südlibanon und Hamas in Gaza gehören genau so zu den Gegnern, mit denen es Israel aufnehmen kann.

Gazastreifen jeweils geteilt

Die drei ersten Gazakriege gingen alle für Israel aus. Stets teilte die Armee den rund 12 Kilometer breiten Gazastreifen in der Mitte von Osten zur Mittelmeerküste. Dann erreichte sie die drei operativen Ziele:

  • Sie enthaupteten die Hamas-Führung gezielt.
  • Sie spürten die geheimen Tunnels auf, über die Iran die Hamas mit Waffen versorgt. Sie sprengen die unterirdischen Nachschublinien.
  • Sie fanden die Raketenabschussrampen und machten sie dem Erdboden gleich.

Politisch-psychologisch beherrschte aber immer die Hamas mit Bildern von blutenden Mädchen die Szenerie. Manchmal nahmen sie einfach die Fotos von früheren Kriegen zur Hand, wie die Hisbollah in Libanon.

Soweit der Stand am 11. Mai, 5.30 Uhr

  • Bis jetzt schoss die Hamas 150 Raketen ab, auf das gesamte Spektrum: Ashkalon, Ashdod (Hafen), Rehovot, Tel Aviv, Sderot, Beersheva – und eben Jerusalem.
  • Mehr als 90% der Raketen wurden entweder vom Himmel geholt oder sie schlugen in der Wüste ein. Iron Dome erfasst die Flugbahnen früh; je nach Ballistik verzichtet das System auf den Einsatz teurer Abwehrraketen. Es tritt nur in Aktion, wenn Ortschaften gefährdet sind.
  • Die israelische Luftwaffe flog ihre Angriffe auf Gaza-Stadt auch in der Nacht.