BISS – Den Gegner unterschätzt, schon im August 1914

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Rot Russen, blau Deutsche. Bis zum 26. August 1914 brachte Hindenburg seine Verbände gegen die 2. Narew-Armee in Stellung, ohne dass General Rennenkampf im Norden dies bemerkte.

Die 8. deutsche Armee verfügte über 150’000 Mann, die sich aus Ostpreussen rekrutierten. Ihnen standen zwei Zarenarmeen mit mehr als 300’000 Mann gegenüber.

Wenn es auch für abschliessende Analysen noch zu früh ist, über einen der Hauptgründe für die russische Niederlage vor Kiew sind sich die Gelehrten einig:

  • Der für die Ukraine zuständige FSB, Russlands Inlandgeheimdienst, unterschätzte den Gegner. Weder rechnete er mit der heroischen Gegenwehr der Angegriffenen noch hatte er erkannt, wie gründlich Kiew die Streitkräfte seit dem Krim-Debakel im März 2014 aufrüstete. Auch die britisch-amerikanische Militärhilfe muss den Agenten entgangen sein; sonst wären nicht ganze T-72-Bataillone ungeschützt ins Javelin- und NLAW-Feuer geraten.
  • Umgekehrt hatten die Streitkräfte dem Autokraten Putin ein “Potemkinsches Dorf” vorgetäuscht. Die Militärbezirke trainierten die Grossmanöver, denen sie alle vier Jahre unterzogen werden, Jahre voraus. Säuberlich getrennt nach Waffengattungen, führten sie dem Herrscher das “Wissen und Können” ihrer Verbände vor. Der Kampf der verbundenen Waffen ging unter. Putin erhielt ein viel zu glänzendes Bild von seiner Armee.

Offen gefunkt

Die tragische Verbindung von eigener Hybris und sträflicher Unterschätzung des Gegners warf russische Truppen schon früher zurück. Im August 1914 setzte General Hindenburg, der Befehlshaber der deutschen 8. Armee, in Ostpreussen zur Umfassung der 2. Narew-Armee an. Ihr Kommandant, General Samsonow, steuerte von Süden her unbedarft auf Hindenburg zu. In dessen Norden stand die russische 1. Njemen-Armee des Generals Rennenkampf. Sie hätte der 8. Armee gefährlich werden können, wäre sie nach Süden gestossen. Dann wären Hindenburg und seine Preussen eingekesselt worden.

Doch die Russen begingen den unverzeihlichen Fehler, offen zu funken. Auch im Zarenheer hatte die Funktelegraphie Einzug gehalten, nicht aber das Gebot, Funksprüche seien zu verschlüsseln.

Hindenburg Mitte im hellen Mantel mit dunklem Revers, Ludendorff direkt links neben ihm.

Oberst, später Generalmajor Hoffmann hielt Ludendorff und Hindenburg den Rücken frei.

So hörte Oberst Max Hoffmann im Stab General Ludendorffs den russischen Funk ab. Er hatte als Attaché in St. Petersburg gedient und verstand, was Rennenkampf dem Kameraden Samsonow übermittelte: Dass nämlich die Deutschen geschlagen seien und sich nach Königsberg zurückzögen. Er, Rennenkampf, wende sich nach Westen und verfolge die 8. Armee. Von dieser gehe keine Bedrohung mehr aus.

Im Wissen, dass der Gegner völlig falsch lag und ihnen im Rücken keine 1. Armee drohte, liessen Hindenburg, Ludendorff und der kluge Hoffmann Samsonow in die Falle tappen. Sie schlossen die zweite Armee bei Tannenberg ein und vernichteten sie. Samsonow gab sich die Kugel.

Die “Ungewissheit” genommen

Die Sorglosigkeit der Generale Rennenkampf und Samsonow ging sehr weit. Am 24. August lasen Ludendorff und Hindenburg deren vollständige Armeebefehle, von Hoffmann übersetzt.

  • Der deutsche General Praun schrieb, die Russen hätten zum ersten Mal in der Kriegsgeschichte Clausewitzens “Ungewissheit” vom Feldherrn genommen. Der Befehlshaber Hindenburg habe dank des zeitgemässen Aufklärungsmittels, dank der Funkaufklärung, gegen die 2. Armee freie Hand gehabt.
  • Bitter fiel das Urteil des russischen Generals Noskoff aus: “Man sah in der 8. Armee einen Gegner, der nach einem missglückten Kampf schleunigst hinter die Weichsel zu entkommen suchte. Man meinte, es würde keine Gefahr bedeuten, wenn der Fliehende etwas mehr über den Gegner wissen werde, als ihm sonst gebührte.”

Von beklemmender Aktualität

Fehlbeurteilung des Gegners, unverschlüsselter Austausch geheimer Armeebefehle, Verkennung der Gefahr, Überschätzung der eigenen Position – kommt uns das nicht bekannt vor? besitzt das für Russen nicht beklemmende Aktualität?

Und: So wie sich das ukrainische Lagebild 2022 nach fast 100 Kampftagen präsentiert, nehmen angelsächsische Geheimdienste dem tüchtigen General Zalushny, dem Befehlshaber in Kiew, viel von der “Ungewissheit” von den Schultern, die der Freiherr von Clausewitz in seinem Meisterwerk Vom Kriege so prägnant umreisst.

General Paul Edler von Rennenkampff (2. v. l.) führte die 1. Njemen-Armee.

Als die Kämpfe am 31. August 1914 endeten, gingen 90’000 Russen in Gefangenschaft. Die 2. Armee hatte zu bestehen aufgehört.

General Samsonow gab sich nach dem Untergang seiner 2. Armee die Kugel.