BISS – Das heilige Land brennt

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Merkawa-Panzer bereit – beim Alten Zollhaus, an der Einfallspforte zum Gazastreifen.

 

Es folgt die Lagenachführung zum Konflikt im heiligen Land auf dem Stand vom Freitag, 14. Mai 2021, 16.30 Uhr.

Am israelischen Fernsehen warf der Stratege Martin Himel drei bange Fragen auf:

  • Stehen die israelische Armee, die Hamas und der Islamische Jihad am Rande des vierten Gazakrieges?
  • Ist in Ost-Jerusalem und im Westjordanland die dritte Intifada ausgebrochen?
  • Kommt es im israelischen Kernland zum Bürgerkrieg?

Zerstörung des Tunnelnetzes “METRO”

An der militärischen Front verschärft sich die Lage zusehends:

  • Im Süden des Gazastreifens zerstören die israelischen Streitkräfte das ausgedehnte Tunnel- und Bunkernetz “METRO”. Diese riesige unterirdische Anlage dient der Hamas und dem Islamischen Jihad als Schmuggelnetz vor allem für Waffen und Munition, aber auch als geschütztes HQ und als Übermittlungsknoten.
  • Gemäss Oberstleutnant Jonathan Conricus, dem Armeesprecher, setzt Israel insgesamt 160 F-16I-Jagdbomber und AH-64-Kampfhelikopter gegen die Tunnels ein. Verstärkt wird die Luftwaffe durch 155-, 175- und 203-mm-Artillerie, Spezial- und Geniekräfte, letztere vor allem als Ingenieure und Mineure.
  • Rund drei Kilometer östlich der Gazagrenze stehen die Merkawa-, Namer-und Achzarit-Kampfwagen des Panzerkorps zum terrestrischen Zuschlagen bereit. Sie unterstehen der Südfront, die seit dem 21. März 2021 von Generalmajor Eliezer Toledano befehligt wird. Toledano ist gelernter Fallschirmoffizier und kommandierte vorher u.a. die 35. Fallschirmbrigade.

Eliezer Toledano.

Kriegskabinett funktioniert

Seit zwei Jahren torkelt Israel von einer Regierungskrise zur anderen. In vier Knesset-Wahlen entstand keine tragfähige Koalition. Soeben musste Yair Lapid im Namen seiner Zukunftspartei das Scheitern seiner Verhandlungen eingestehen.

Dennoch funktioniert Israels politische und – das versteht sich von selbst – militärische Führung. Das Kriegskabinett tritt täglich zusammen und äussert  sich auch gegen aussen geschlossen. Seine tragenden Säulen sind:

  • Premier Benjamin Netanyahu, obwohl politisch und juristisch angeschlagen.
  • Verteidigungsminister Benny Gantz, Generalstabschef 2011–2015, mit Fallschirm- und Spezialkräfte-Erfahrung.
  • Aussenminister Gabi Ashkenazi, Generalstabschef 2007–2011, der Mann, der der Armee nach dem Zweiten Libanonkrieg 2006 wieder Schwung verlieh.

Der derzeitige Generalstabschef ist General Aviv Kochavi, mit ähnlicher Laufbahn wie Gantz. Er gilt unbestritten als Offizier von a.o. Wissen und Können, auch von ausgeprägter Autorität.

Generalstabschef: General Aviv Kochavi.

Kampfhandlungen durchziehen

Das Kriegskabinett ist entschlossen, die Kämpfe durchzuziehen, bis das strategische Ziel erreicht ist: Die Hamas muss für die kommenden Jahre zurückgeworfen werden. Dabei ist zu berücksichtigen: Seit dem Krieg von 2014 hatten die Terroristen fast sieben Jahre Zeit für ihre Aufrüstung.

  • 2005 ergriff die Hamas im Gazastreifen die Macht, als sie in fünf Tagen die korrupte, morsche Fatah im Bürgerkrieg besiegte. Bis zum Krieg von 2008/09 hatte sie drei Jahre für ihre verstärkte Waffenbeschaffung.
  • Zwischen den Kriegen von 2008/09 und 2012 waren es vier Jahre, bis 2014 zwei.
  • Jetzt aber lieferte Iran den Terroristen durch die Tunnels viele Waffen, vor allem immer bessere, stärkere, weiter reichende Raketen. Neu im Arsenal sind Mehrfachraketenwerfer (eine Waffe, die ihre Wirksamkeit auch 2020 im Armenienkrieg bewies). Das unterirdische Schmuggel- und Schutznetz konnte in den sieben Jahren repariert und namhaft verstärkt werden.

Netanyahu, Gantz und Kochavi geben auch öffentlich zu verstehen: Diesmal führen wir den Kampf, bis die operativen Ziele erfüllt sind: Enthauptung, Raketen-Zerstörung und komplette Tunnel-Sprengung.

Der Kampfpanzer Merkawa, die stärkste Waffe des Heeres.

Hamas kämpft zäh weiter

Allerdings überraschen Hamas und Islamischer Jihad durch die Dauer, die Dichte und die Reichweite ihrer Angriffe. Die Terroristen treffen auch kritische Infrastruktur:

  • Erneut geriet der internationale Ben-Gurion-Airport unter Beschuss. Flüge mussten auf den weniger exponierten Flugplatz Ramon verlegt werden. Ausländische Gesellschaften streichen Flüge.
  • Eine Salve traf die Raffinerie von Ashkalon, Israels südlichster Stadt am Mittelmeer. Sie liegt von der Gaza-Nordgrenze zwölf Kilometer entfernt. Für diese Schussdistanz reichen archaische Kassam-1 und -2-Raketen.
  • Getroffen wurde auch die Pipeline, die quer durch den Negev führt.

Intifada? Bürgerkrieg?

  • Zu Intifada-ähnlichen Ausschreitungen kam es – überraschend – nicht nur in den angestammten “Hotspots” Jenin, Nablus, Kalkilja, Ramallah in Samaria und Hebron in Judäa, sondern auch in Bethlehem (nur acht Kilometer südlich vom Jerusalemer Aussenquartier Talpiot). Das ist ein schlechtes Zeichen. Bethlehem ist mehrheitlich christlich. Die Händler- und Krämerstadt galt als moderat.
  • Die internen Strassenkämpfe im Kernland griffen nun auch auf Tel Aviv über, womit es in allen grösseren Städten des heiligen Landes brennt. Über die Orte Ramle und Lod mitten in der Küstenebene verhängte die Regierung den Ausnahmezustand.
  • Der Experte Martin Himel, fürwahr kein Israel-Kritiker, hielt am TV unmissverständlich fest: Im Moment ist die israelische Polizei nicht in der Lage, Recht und Ordnung durchzusetzen. Die Grenzpolizei ist im Grossraum Jerusalem absorbiert; die reguläre Polizei verfügt weder über die Mittel noch die Ausbildung, schwerer Ausschreitungen Herr zu werden.