BISS – 1945 und 2022: Wie sich Bilder gleichen

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Bei der Bearbeitung des Artillerie-Aufmarsches gegen die Ukraine wurde uns erneut gewahr, wie stark die russischen Streitkräfte bei allen Reformen noch immer auch in der Tradition der 1945 siegreichen Roten Armee stehen. Zuerst suchten wir Russlands Artillerie hier und heute, im Angesicht von Putins nach wie vor akuten Kriegsdrohung, zu ergründen. Auf der Suche nach dem Standardgeschütz MSTA-2S19, mit dem das Heer mehrere 100 Rohre ins Gefecht führt, stiessen wir auf ein wahres Prachtsbild aus dem Fundus der Streitkräfte:

Vorne 2S35 Koalitija-SV, hinten MSTA-2S19 – auf dem Roten Platz.

Das ist die Fotografie, aufgenommen bei der Siegesparade 2020, wie sich die russische Artillerie heute präsentiert:

  • Die Panzerhaubitze 2S35 Koalitija-SV wurde erstmals am 9. Mai 2015 präsentiert und gehört zur damals revolutionären Armata-Familie von Uralwagonsawod in Nishni Tagil, die vom Drei-Mann-Kampfpanzer T-14 und vom Schützenpanzer T-15 angeführt wird. Das 152-mm-Geschütz soll auch auf 70 Kilometer präzis schiessen und stellt die Zukunft der russischen Panzerartillerie dar. Ihr Trägerfahrzeug entspricht dem T-14 und T-15.
  • Hinter der 2S35 Koalitija-SV rollen zwei MSTA-2S19 auf den Roten Platz. Auch ihr Rohr ist vom Kaliber 152 mm. Da hat sich seit 1945 nichts geändert, auch wenn gewiss eine Panzerhaubitze MSTA-2S19 nicht mehr mit der gezogenen Schwere Haubitze von den Seelower Höhen zu vergleichen ist.

Siehe auch > BISS: Der gewaltige Artillerie-Aufmarsch

Spannend bleibt es bei der gezogenen Artillerie. Wie das amerikanische Heer gab die russischen Bodentruppen die gezogenen Geschützzüge nie auf. Das Internationale Institut für Strategische Studien (IISS) schreibt den Russen aktuell 4’340 Geschütze zu, davon 1’610 selbstfahrend. Unter den vielen gezogenen Systemen fällt die Kanone 2A36 Giantsint-B auf. Wohl stammt sie aus der Sowjetzeit, doch erkennt das IISS übereinstimmend mit anderen Quellen im russischen Arsenal noch immer mehr als 1’000 Rohre vom 2A36 Giantsint-B. Hier das offenbar so unverwüstliche Geschütz wie es die Schwere BOFORS-Kanone 10,5 cm war:

Die gezogene 152-mm-Kanone 2A36 Giantsint-B.

Nun zu den Mehrfachraketenwerfern in der Tradition der Stalinorgeln mit ihren Katyusha-Raketen. Aktuell führt das IISS auf: den 122-mm-Werfer BM-21 Grad, den 220-mm-Werfer Uragan-M1 und vor allem den gefürchteten 300-mm-Werfer 9A52 Smerch, dem im Herbst 2021 im Karabachkrieg zwischen Armenien und Aserbeidschan eine tragende Rolle zukam. Beide Parteien fügten mit ihren 9A52 Smerch dem Gegner schwere Verluste zu, wobei die Azeris mit ihren Kampfdrohnen Bayraktar TB2 armenische 9A52 Smerch zerstörten.

Russischer Werfer 9A52 Smerch > Stellungsbezug.

Russische Smerch-Batterie in der Feuerstellung. Im Karabachkrieg verliessen die Azeris die Stellung jeweils rasch, um eine neue Position zu beziehen, gemäss russischer Doktrin.

Was setzt die Ukraine der russischen Artillerie entgegen?

Aus der Ukraine kommen wie Bilder, welche die eigenen Waffen und Soldaten zeigen, so:

Ukrainische Kanoniere an der Kanone 2A36 Giantsint-B, von der das Land gemäss IISS noch 180 Rohre besitzt.

Ukrainischer Unteroffizier am Richtaufsatz des Werfers BM-21 Grad-Tornado, von dem die Ukraine noch 550 besitzt.

Ukrainischer Panzer aus dem Kalten Krieg.

Teils setzen die Ukrainer noch die gleichen Waffentypen ein wie die Russen, aber die russische Rüstung hat seit Putins Machtübernahme erhebliche Fortschritte gemacht.

Zum Schluss der Vergleich der russ. Artillerie 1945 und 2022

“Fest gemauert in der Erden” steht das Fundament des russischen weitreichenden Feuers:

  • Überlegene Feuerkraft der Kanonen und Haubitzen.
  • Dito der Mehrfachraketenwerfer.
  • Steter taktisch-technischer Fortschritt, so Einführung der selbstfahrenden Panzerhaubitzen, Steigerung der Wirkungsdistanz in den Bereich der 70 Kilometer, präzises Feuer, moderne Feuerführung.

Wir holten aus dem Archiv die Fotos, die wir im Herbst 2021 am sowjetischen Ehrenmal bei Seelow gemacht hatten, ergänzt mit einer Originalkarte vom April 1945. Sie zeigt Marschall Schukows und Marschall Konews Schlussoffensive auf Berlin.

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In allen drei Fronten, namentlich auch in Schukows 1. Weissrussischen Front auf den Seelower Höhen, kam der Artillerie überragende Bedeutung bei; wie auch bei Konews 1. Ukrainischer Front von Südosten her. In Seelow zu sehen sind:

  • Die Stalinorgel: BM-13-16-NM: Sie verschoss acht Raketen in kurzer Kadenz.

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Unverkennbar der amerikanische Studebaker, auf den die Russen die Stalinorgel montierten!

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  • Die Schwere Haubitze 152 mm Modell 1943 spielte beim schweren Artilleriebeschuss auf die deutschen Stellungen über dem Oderbruch eine zentrale Rolle. Aufgrund ihrer modernen Konstruktion gilt sie als stärkstes Sowjetgeschütz des Zweiten Weltkriegs. 2’827 Exemplare verliessen von 1943–1949 russische Fabriken.

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  • Die 76-mm-Kanone ZIS-3 Modell 1942. Bis 1946 baute die Sowjetunion gut 103’000 solche Geschütze. Sechs Soldaten bedienten die Kanone. Sie wurde vielfältig eingesetzt: im Direktschuss gegen deutsche Panzer, im Bogenschuss gegen entfernte Ziele mit der Maximaldistanz von 13’000 Metern.
  •  Der Granatwerfer 120 mm war in Schukows 1. Weissrussischer Front eine Waffe der infanteristischen Stossarmeen.

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