An Panzerkader und Aufklärer

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Der EBR-Spähpanzer.

 

Unser Panzer- und Aufklärer-Kenner Hagen Seehase sendet uns wieder eine zeitgeschichtliche Trouvaille: den französische Radspähpanzer EBR „Engin Blindé de Reconnaissance“ – ein  kurioses Fahrzeug, das auf französischen Planungen vor dem Zweiten Weltkrieg beruhte.

Für Schweizer zu beachten: der Flab-Panzer mit zwei 30-mm-Maschinenkanonen-Hispano-Suiza Type 831.

 

Der französische Radspähpanzer EBR

Von Hagen Seehase

Der Grundentwurf stammte aus den 1930er-Jahren, als die Firma Panhard et Levasseur einer der maßgeblichen Hersteller gepanzerter Fahrzeuge für die französischen Streitkräfte war. Ein für die damaligen Verhältnisse sehr fortschrittlicher Prototyp, der Panhard „voiture spéciale 201“, erschien 1940.

Er hatte zwei Mann Besatzung, eine 25 mm-Kanone in Wiegenlafette und sollte in einer Stückzahl von 600 Stück als Panhard AM 40P (nun bewaffnet mit einer 47mm-Kanone) gebaut werden. Der Prototyp wurde nach Marokko gerettet, der deutsche Einmarsch in Frankreich verhinderte die Fertigung weitere Exemplare

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhielt Panhard den Auftrag, einen Prototypen eines achträdrigen Panzerspähwagens zu bauen (1948 entstanden zwei Prototypen mit der Werksbezeichnung Type 212), während der Konkurrent Hotchkiss eine sechsrädrige Variante fertigen sollte. Nach der Erprobung erhielt Panhard den Auftrag für eine Serienfertigung. Heraus kam ein kurioser, aber innovativer Panzerspähwagen mit interessanten Details.

EBR-75 im Algerienkrieg.

So konnten die mittleren beiden Achsen angehoben werden (für den Einsatz auf Straßen). Die Räder dieser Achsen hatten Stahllaufflächen, die auf Felgen aus Duraluminium angebracht waren. Die vordere und die hintere Achse waren lenkbar, sie waren pneumatisch bereift. Die Michelin-Reifen hatten Veil-Picard-Schläuche mit Zellenstruktur und Stickstoffüllung, so konnte selbst nach mehreren Treffern noch der Luftdruck einigermaßen gehalten werden.

Die Silhouette des Fahrzeugs war recht niedrig, die Panzerung mit maximal 40mm Stärke zufriedenstellend. Ein 185 PS 12-Zylinderbenzinmotor beschleunigte das Fahrzeug auf beachtliche 105 km/h im Straßeneinsatz. Der Treibstoffverbrauch betrug durchschnittlich 55 Liter per 100 Kilometer. Der Motor hatte zwei Vergaser und arbeitete mit einem niedrigen Verdichtungsverhältnis, um auch minderwertigen Treibstoff verwenden zu können.

Der Fahrbereich war mit 570 km (Straße) enorm. Aber ganz und gar wartungsunfreundlich war der komplizierte Antrieb mit 37 Zahnrädern in der Leistungsübertragung. Für einen Austausch des Motors war es sogar notwendig, den Turm des Panzerwagens zu ziehen. Das Getriebe (besser: die Getriebe, es waren mehrere hintereinandergekuppelt) hatte 16 Gänge sowohl für Vorwärts- als für Rückwärtsfahrt.

Der Bodendruck des Fahrzeugs war vergleichsweise niedrig (0,7 kg/cm²), die EBR konnten den Kampfpanzern in fast jedem Gelände folgen.

Die Besatzung bestand aus dem Kommandanten und dem Richtschützen im 2-Mann-Turm und jeweils einem Vorwärts- und Rückwärtsfahrer in der symmetrisch ausgelegten Wanne.

Die 1202 ab dem Jahr 1951 gefertigten EBR unterschieden sich durch die verschiedenen Panzertürme. Die Version „Mod. 54-11“ (836 für die französische Armee beschafft) hatte einen kleineren Geschützturm ohne Heckauslage und automatischen Lader. Die verwendete 75mm Kanone („Canon de 75mm SA Vo 600“) mit der Kaliberlänge L/48 war aber zur Panzerbekämpfung unzureichend.

EBR in der Produktion.

So erhielt die Version „Mod. 55-10“ den auch beim leichten Kampfpanzer AMX-13 verwendeten oszillierenden Geschützturm (oder auch „Wiegenturm“) FL-10 (das Höhenrichten der Bordwaffe erfolgte durch Hoch- bzw. Niederschwenken des ganzen oberen Turmteiles) mit automatischem Lader. Wie beim AMX-13 wurde eine 75 mm Bordkanone (mit 61,5 Kaliberlängen) verwendet, die eine direkte Weiterentwicklung der im deutschen Kampfpanzer Panther und diversen Jagdpanzern verwendeten Kanone darstellte. Diese Waffe verschoß Panzergranaten mit einer V0von 1000 m/sec.

Der Rasanzbereich lag bei 1000 Metern, d.h. bei geringeren Kampfentfernungen war keine Rohrerhöhung erforderlich. Von dieser Version erhielten die französischen Streitkräfte 279 Stück.

  • Später (ab 1967) rüstete man die älteren Türme (bei 650 Fahrzeugen) auf die 90-mm-Niederdruckkanone DEFA um. Nun wurde eine flügelstabilisierte Hohlladungsgranate mit der gleichen Rasanz verwendet.
  • Dieser Zuwachs an Kampfkraft wurde aber auch mit einer Gewichtszunahme von 12.500 kg auf 14.900 kg erkauft.
  • Zweitbewaffnung waren ein bis drei MG im französischen Standardkaliber 7,5 x 54. Ein MG war koaxial zur Hauptwaffe gelagert, für Vorwärts- und Rückwärtsfahrer gab es jeweils noch eine MG-Blende, die aber selten bestückt wurde.
  • Meist waren die Bord-MG vom Typ Reibel, eine Waffe, die schon als Festungs-MG in der Maginotlinie Verwendung gefunden hatte. Das 149-schüssige Trommelmagazin wurde im Armeejargon „Camembert“ genannt.
  • Viele EBR waren mit Nebelmittelwurfanlagen ausgestattet. Der Munitionsvorrat betrug bei den mit 75mm-Kanonen bewaffneten Modellen 56 Schuss für die Hauptwaffe, bei dem mit der 90mm-Kanone bewaffnetem Modell 43 Schuss für die Hauptwaffe.

Flab-Panzer EBR DCA mit 30-mm-Kanonen

Auf der Basis des EBR wurde der Prototyp eines Flakpanzers gebaut: der EBR DCA („Canon automoteur de défense contre-aérien“) mit zwei 30-mm-Maschinenkanonen-Hispano-Suiza Type 831.

Anders als der AMX-13 war der EBR kein besonderer Exporterfolg. Zu den Auslandskunden gehörten Indonesien (drei Fahrzeuge) und Portugal, das 48 (oder 50) EBR beschaffte. Eine Transportpanzerversion für 14 Besatzungsmitglieder (der EBR VTT) wurde von der portugiesischen Armee ebenfalls eingesetzt.

Da in der Literatur häufig von 78 an Portugal gelieferten EBR die Rede ist, könnte es sich bei der Differenz (28 bis 30 Stück) um die EBR VTT gehandelt haben. Die EBR VTT waren vielfach auch an den mittleren Achsen normal (d.h. pneumatisch) bereift. Die offizielle portugiesische Bezeichnung lautete: „Blindado Transp. Pessoal Panhard ETT 13 ton. 8×8 m/1959“.

Abmessungen 

Länge Fahrgestell: 5560 mm
Breite: 2420 mm
Höhe: 2240 bis 2320 mm
Bodenfreiheit: 330 bis 410 mm
Spurweite: 1740 mm

Panzerung

Panzerung (Wanne): Front 40 mm, Seiten 16 mm, Heck 40 mm, Dach 20 mm, Boden 16 mm
Panzerung (Turm): Front 40 mm, Seiten 30 mm, Heck 20 mm, Dach 10 mm

In Indochina wurde der EBR nicht eingesetzt, wenn dies bisweilen fälschlicherweise behauptet wird, beruht das auf einem Missverständnis: in den französischen Kolonien in Indochina kamen (neben Panzerwagen aus britischer und amerikanischer Produktion) die Panhard 178b zum Einsatz

Kampfeinsatz sah der EBR zunächst im Algerienkonflikt. Neben den  leichten Kampfpanzern AMX-13 und den kleinen Ferret-Spähwagen aus britischer Produktion (200 Stück für den Nordafrikaeinsatz beschafft) verwendete die französische Armee in Algerien hauptsächlich die Weltkriegsveteranen M-24 Chaffee und M-8 Greyhound, letzterer Fahrzeugtyp war zu dieser Zeit schon vollkommen obsolet. Obwohl nicht für diese Aufgaben konzipiert, bewährte sich der EBR in Nordafrika recht gut. 1961 waren folgende Truppenteile in Algerien mit dem EBR ausgestattet:

2eR.S.     (zur 13eDivision d´Infanterie gehörend),

21eR.S.   (zur 14eDivision d´Infanterie gehörend),

3eR.C.A. (zur 7eDivision Mecanique Rapide gehörend),

1eR.S.     (zur 2e Division d´Infanterie Motoriseé gehörend).

8e R.H.     (zur 20eDivision d´Infanterie gehörend),

und das 1eR.E.C. , das zu den Korpstruppen der Militärzone Algier gehörte. In Algerien wurden 28 EBR durch Minentreffer zerstört.

Später wurden die EBR in der französischen Armee in den Panzeraufklärerbataillonen der Korps verwendet. Die beiden Korps der französischen 1. Armee (Hauptquartier Straßburg) verfügten Mitte der 1970er-Jahre über insgesamt  fünf Panzeraufklärerbataillone mit jeweils 56 EBR. Die Einheiten der Territorialverteidigung und der Marineinfanterie verwendeten anstelle des EBR einen anderen Typ, den leichteren Spähpanzer AML.

An General de Gaulles Staatsbegräbnis

Bei dem Staatsbegräbnis des früheren Präsidenten General Charles de Gaulle wurde der Sarg von einem EBR transportiert.

Ab 1976 wurde der Spähpanzer EBR in der französischen Armee durch den wesentlich kampfkräftigeren AMX 10RC (mit 105mm Bordkanone) abgelöst. Das 8eRegiment des Hussards rüstete sogar erst 1984 vom EBR auf den AMX-10RC um. Die letzten EBRs dienten nur noch Ausbildungszwecken und wurden 1987 ausgemustert.

EBR-75 mit dem ersten Turm ohne automatischen Lader.

Auch die Bundeswehr erprobte den EBR. Bei der Panzertruppenschule in Munster wurden sechs EBR ausgedehnten Testreihen unterzogen. Zur Einführung bei der Truppe kam es aber nicht.

Die Portugiesen verwendeten den EBR noch bis in die 1980er-Jahre. Kampfeinsatz sahen die portugiesischen EBR in Angola, das 1 Grupo de Cavalaria („Dragoes de Angola“) setzte 21 EBR ein, der Rest verblieb im Mutterland. Von den existierenden Bilddokumenten ausgehend scheinen die portugiesischen EBR mit dem FL-10 Turm ausgestattet gewesen zu sein.