40. Tag, 3.30 Uhr: Russlands “gespenstischer” Rückzug

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Karte ISW 3. April 2022.

Nicht oft in der Militärgeschichte und -gegenwart sticht einem eine Lagebild derart ins Auge wie heute, am 40. Kriegstag, am 4. April 2022, die ISW-Karte der Nordfront. Die Darstellung zeigt das ganze Ausmass der russischen Niederlage in der Schlacht um Kiew. Zum Rückzug der Verlierer schreibt das Study of War:

  • Die Ukraine hat die Schlacht um Kiew gewonnen. Die Russen schliessen ihren Rückzug ab, jedoch nicht in gute Ordnung. Ukrainische Verbände treffen im Oblast Kiew nach wie vor auf versprengte russische Truppen, die zurückgelassen wurden.
  • Unter Berufung auf den ukrainischen Generalstab treffen die ISW-Analytiker eine literalische Wortwahl. Sie beschreiben die versprengten Russen als Orks, als “verlorene Gespenster”. Die Russen versuchten einen geordneten Rückzug mit Deckungstruppen, Artilleriefeuer und Minenfeldern. Aber der dieses Unterfangen sei nur in Teilen gelungen. Aber die Unordnung führe nun dazu, dass die ukrainische Armee versprengte “Geistertruppen” aufspüren, bekämpfen und zurückwerfen müsse.

Rückzug in alle Richtungen

  • Das Gros der 35., 36. und 29. Armee zog sich auf dem Westufer des Dnjepr zurück. Wie die ISW-Karte zeigt, überschritten die Verbände die belarussische Grenze nach Norden. Ostwärts des beherrschenden Stromes weist die Karte auf der Tschernihiw-Linie eine neue Front aus. Auf dem Dnjepr-Ostufer hatte die 41. angegriffen – und war unter schweren Verlusten bis in die Vororte von Kiew vorgedrungen.
  • Vor allem aber belegt die Lagekarte den Rückzug der 1. Panzer- und der 2. und 6. Feldarmee aus dem Raum Brovary vor den östlichen Toren von Kiew. Auch auf dieser östlichen Zange hatten die Angreifer für ihren Vorstoss Opfer gebracht.
  • ISW vermutet, dass die drei Armeen im Raum Konotop–Sumy eine Rückfallstellung aufbauen und einnehmen werden. Diese soll dann den Rückzug in den Raum Charkow decken. Die Washingtoner Analytiker vermuten sogar, dass sich die Armeen in der Schlussphase sogar aus Charkow herauslösen und die russische Grenze nach Osten überschreiten werden.
  • Das wäre dann die komplette Preisgabe auch der Charkowfront zur Verstärkung der Angriffe im und aus dem Donbass und an der Südfront. Affaire à suivre.

“Signifikant, aber noch nicht den Krieg entscheidend.”

Vorsichtig merkt das ISW an:

  • Der Krieg ist bei weitem noch nicht vorbei. Die Russen könnten eine Wende erzwingen, wenn sie fähig wären, in der östlichen Ukraine die erfolgreiche Operation zu führen, die der Generalstab von ihr erwartet. Die Geländegewinne im Osten und Süden sind signifikant. Sollte ein Waffenstillstand die jetzige Hauptkampflinie einfrieren, gäbe das Russland in den diplomatischen Verhandlungen ein erhebliches Druckmittel und Faustpfand in die Hand. Der Kreml könne so mehr Druck ausüben als vor dem Krieg. Es sei auch denkbar, dass die Russen die Lehren aus der ersten Kriegsphase zögen und es später nochmals versuchten.
  • ISW: “Der ukrainische Sieg in der Schlacht von Kiew ist signifikant, aber noch nicht den Krieg entscheidend.”

Karte ISW 3. April 2022.

Zum Vergleich die ISW-Lage vom 1. April 2022. Westlich von Kiew reicht das russisch besetzte Terrain immer noch bis zur früh besetzten Autobahn nach Schitomir–Lemberg–Polen. Ebenso hat die ukrainische Armee den gegnerischen Vorsprung von Osten her noch nicht bereinigt.