BISS – Taliban 1: Hierarchie + Auftragstaktik

Standard

 

 

 

Siehe auch > BISS – Taliban 2: Strassen, Fünfte Kolonne, Beute und BISS – Taliban 3: Das Elite-Bataillon Badri 313

Die Taliban sind in Struktur und Doktrin ganz eindeutig ein militärischer Kampfverband. Wie im schiitischen Iran kennen die Taliban den Obersten Führer. In Teheran ist es Ayatollah Khamenei, der Nachfolger des Ayatollah Khomeini. Bei den Taliban fällt Malawi Hibatullah Akhundzada den abschliessenden Entscheid. Auch wenn sich Akhundzada aus der operativen Führung heraushält, hat er in der Strategie das letzte Wort.

Ihm unterstehen drei mächtige Unterführer, von denen zwei militärisch ausgerichtet sind:

  • Mullah Muhamed Yakub, der Sohn des Taliban-Gründers Mullah Muhamed Omar, ist der offiziell für das Militär verantwortliche Stellvertreter. Er führt die 21 westlichen Provinzen und steht dem Militärkomitee vor, operativ der obersten Instanz.
  • Allerdings teilt Mullah Omar geographisch die Macht mit dem Warlord Sirajuddin Haqqani, der militärisch die 13 Ostprovinzen beherrscht und für diese zuständig ist.
  • Der dritte im Bund ist der bekannteste der Drei: Mullah Abdul Ghani Baradar. Baradar führte im Februar 2020 in Doha (Katar) die Verhandlungen mit den USA, bei denen die Taliban den unbedarften PräsidentenTrump über den Tisch zogen. Er hält sich aus den militärischen Operationen heraus.

Regionen, Provinezen, Distrikte

Yakub und Haqqani führen in ihren Machtbereichen je eine straffe, flache Hierarchie:

  • Der Führungstab unterteilte Afghanistan in sieben Kriegsregionen, von den Yakub diejenigen westlich des Hindukusch kommandiert, Haqqani die anderen östlich des mächtigen Gebirgszuges.
  • Jede Kriegsregion ist in Provinzen des Landes unterteilt. Die Führung legt Wert auf die Gliederung, wonach jeder Regionskommandant mindestens drei Provinzen befehligt. Die Topographie des Landes bestimmt die Anzahl Provinzen pro Region. Der Provinz sind dann wieder mindestens drei Distrikte unterstellt.
  • Eine Besonderheit ist die Ernennung und Überwachung der “Schatten”-Provinz- und District-Gouverneure durch das Militärkomitee. Hierin findet der primär militärische Faktor der Taliban beredten Ausdruck. Die ehemaligen “Schatten”-Funktionäre übernehmen jetzt den zivilen Aufbau des eroberten Landes.

Paschtunen integrieren Stämme

Die straffe militärische Führungsstruktur entstand nach der Taliban-Niederlage im Oktober 2001, als US Special Forces die Glaubenskrieger aus Afghanistan vertrieben, sie jedoch nicht zerstörten. Nach dem Tod des charismatischen Gründers Mullah Omar drohte die Bewegung einen Moment lang auseinanderzufallen. Es war dann die militärische Struktur, die den Kampfverband zusammenhielt.

Wie der Durchmarsch nach Kabul belegt, gelang es der Militärführung auch, die Spannungen innerhalb der paschtunischen Oberschicht zu beherrschen:

  • Im südwestlichen Afghanistan baut die Rahbari Shura, bekannt auch als Quetta Shura, den Omar-Sohn Yakub zum nächsten Obersten Führer auf. Yakub stützt sich auf seine militärischen Fähigkeiten und seine diesbezügliche Position.
  • Im Nordosten des Landes basiert das starke Haqqani-Netzwerk auf der Verbindung mit der Peshawar Shura in Pakistan.

Dank der intakten Militärhierarchie taten sich im Krieg gegen die USA, die NATO und die obsolete Regierungsarmee keine Risse auf. Überdies gelang es den Paschtunen, andere Stämme wie Tadjiken, Usbeken, Turkmenen und Hazara zu integrieren. Ohne diese Integration wären Nordprovinzen wie Masar-e-Sharif nicht zu gewinnen gewesen. An der tadjikischen Grenze befehligt der 25-jährige Mahdi Arsalon, ein Tajik, eine Provinz mit fünf Distrikten.

Maos “Fisch im Wasser”

So weit, so einleuchtend.

Doch nur mit der Hierarchie hätten die Taliban die USA und die NATO nicht in die Knie gezwungen. Ein Geheimnis ihres Erfolgs liegt in der Verbindung von Hierarchie und Auftragstaktik. Dies wiederum gehört zu den Grundlagen des Guerillakriegs, der dem örtlichen Kommandanten Freiheit lässt.

In der Taliban-Armee obliegt die Verantwortung auf operativ-taktischer Ebene dem Befehlshaber vor Ort, dem “mahaz”. Es gilt das Prinzip der Einer-Führung.

Die obere Führung setzt dem “mahaz” das Ziel. Wie er das Ziel erreicht, entscheidet und befiehlt er selbst. Zugute kommen ihm seine überlegenen Kenntnisse des Kampfgeländes, die Beherrschung des Gefechtsfelds und die Verwurzelung in der zivilen Bevölkerung. Auf ihrem Eroberungszug schwammen die Taliban in den afghanischen Dörfern wie Maos “Fisch im Wasser.”

Kein Zweifel, im Kern führen die Taliban eine jihadistische Armee mit streng sunnitisch-islamischem Kern. Schon haben sie das “Islamische Emirat Afghanistan” Militärisch gehen sind sie aber streng pragmatisch vor. Die starken Feldkommandanten verwahren sich gegen bürokratischen Aufwand.

An sich waren die Taliban dem Gegner zahlenmässig stets unterlegen. Auf dem Höhepunkt ihres Engagements setzten die USA am Hindukusch mehr als 130’000 Mann ein. Die Regierungsarmee soll auf dem Papier rund 300’000 Mann gezählt haben; wobei der August 2021 erwies: Es handelte sich um ein Potemkinsches Dorf, um eine Scheinarmee. Dennoch hatten die schätzungsweise 90’000 Taliban gar nicht den personellen Bestand, einen Papierkrieg aufzuziehen. Sie konzentrierten ihre Kraft auf das Gefecht, auf den Kampf.

Starke Stellung der Feldkommandanten

Am 15. August 2021 erreichte die scheinbar “zerlumpte”, aber schlagkräftige, agile Taliban-Armee den Höhepunkt des Ruhmes. Der historische Sieg über die USA, die NATO und das morsche Ghani-Regime verleiht den Feldkommandanten Macht und Ansehen.

Im grösseren Gefüge ihrer jihadistischen Bewegung gilt der typische “mahaz” zugleich als hart und pragmatisch. Man sollte nie vergessen: Ein Talib (wörtlich “Schüler”, weil Mullah Omar die Armee in seiner Predigerschule gründete) zieht seine Kraft, seine Motivation, seinen Todesmut aus dem Glauben. Nun gilt es gut zu beobachten, ob die neuen Herrscher eher pragmatisch-moderat oder ideologisch-fanatisch vorgehen.

Eines steht fest: Die Siegers des Tages, die tapferen Feldkommandanten, werden ihren Einfluss geltend machen.